Kinderoper "Ritter Eisenfraß" hatte am Nordharzer Städtebundtheater Premiere Grusel-Maschine und tanzende Gerippe
"Ritter Eisenfraß" heißt die neueste Kinderoper nach Motiven von Jacques Offenbachs "Croquefer" am Nordharzer Städtebundtheater. Am Sonntag erlebte sie in der Kammerbühne Halberstadt ihre Premiere.
Halberstadt l Mittelalter und Gegenwart sind in der Kinderoper "Ritter Eisenfraß" verbunden - durch eine Rahmenhandlung, in der der Junge Jacques (Ki Soo Yoo) vor der Wohnzimmerlampe mit seinen Ritterfiguren spielt. "Fein machst du das!", lobt ihn Violetta Kollar - das personifizierte Ein-Mann-Orchester am E-Piano.
Sie sorgte für Offenbachsches Flair, vor allem durch die Orchester-Sparvariante, die an die Nöte des Komponisten erinnerte, seine Persiflage auf die Kreuzritterseligkeit auf einem Nudelbrett von Bühne 1857 im Theatre des Bouffes Parisiens mit minimalster Besetzung aufführen zu müssen.
Ritter Schlagetot hat seine Zunge verschluckt
Mit nur vier Sängern. Die fünfte Person hatte die Zunge verschluckt und war ergo eine stumme Rolle - der Ritter Schlagetot. Er forderte einen anderen Helden von trauriger Gestalt zum Kampf heraus, weil der nach 23 Jahren Krieg und Verarmung vermeintlich sein kämpferisches Töchterchen Schwertleite entführt hatte - nämlich Ritter Eisenfraß. Im Offenbachschen Original hatte der gerade seinen letzten Säbel heruntergeschlungen; Zunge und Mordswaffe kommen nur durch eine Verwechslung von Wein mit Rizinusöl wieder zum Vorschein.
Schön war\'s gewesen, wäre etwas von diesem überdrehten Spaß in der neuen Textfassung der Nürnberger Autoren Johann Casimir Eule und Wiebke Hetmanek übrig geblieben. Aber ihr neuer Text steckte nur voller Vergröberungen und Klamauk. Jedes Digedag-Abenteuer war sozial und historisch konkreter. So plagen sich Eisenfraß (Ingo Wasikowski), sein Knappe Karl (Thea Rein), sein Neffe Jacques, der hier redselige Schlagetot (Norbert Zilz) und Schwertleite (Regina Pätzer), die liebreizende Tochter Schlagetots, mit einer "Grusel-Graus-und-Schreck-Maschine" aus allerlei klapperndem Küchengerät (Ausstattung: Petra Korink) herum. Ein Burggespenst namens Gregor kam ins Spiel, zwei Gerippe tanzen im UV-Licht durch das Gemäuer. Bloß hier wurde nicht der sprühende Geist Offenbachs beschworen, sondern der einer fantasielosen Rummelplatz-Geisterbahn.
Offenbachsche Musik bereitet Vergnügen
Die Regie (Andrea Moczko) und vor allem die Darsteller trotzten dem drögen Text wenig ab. Das Vergnügen an der 60-Minuten-Produktion kam aus der offenbachschen Musik. Die stammte im Wesentlichen aber nicht aus "Croquefer", sondern mit dem Prinzen von Arkadien aus "Orpheus in der Unterwelt", mit Menelaus dem Guten aus der "Schönen Helena", mit der Barcarole aus "Hoffmanns Erzählungen" und aus "Pariser Leben". Violetta Kollar war hinreißend in ihrer Rolle als Maitre de plaisir am Klavier, an den Becken, am Horn. Im Gesang vom Solo bis zum "Herrjemine"-Quintett fanden die Akteure schön, mitreißend und temperamentvoll zusammen. Es gab viele Blumen und vier Minuten Applaus. Das ist für eine Kindervorstellung schon außerordentlich lange.
Nächste Vorstellungen: 30. September, 15 Uhr, Quedlinburg; 7. Oktober, 15 Uhr, Halberstadt; 15. Oktober, 10 Uhr, Quedlinburg