Halle/Haldensleben l Die Märchensammler und Germanisten Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) waren nie in Haldensleben. Und doch beherbergt das dortige Museum Bücher, Möbel, Plastiken, Haushaltsgegenstände, Kleidungsstücke aus dem Teilnachlass der Familie Grimm, weil eine Enkelin einst in Althaldensleben ansässig war und die Hinterlassenschaft dem Museum vermacht hatte.

Als die Zeichnerin und Illustrationskünstlerin Xenia Fink sich für das landesweite Heimatstipendium-Projekt erstmals an diesen Ort aufmachte, waren es die bekannten Gebrüder, mit denen sich die Berlinerin im Rahmen des Heimatstipendiums künstlerisch auseinandersetzen wollte. „Ich war angetan, welcher Schatz hier vor Ort ist, bin bei meinen Recherchen aber schnell auf Herman Grimm gestoßen“, sagt sie.

Der Biograf von Michelangelo

Der älteste Sohn Wilhelm Grimms hat gedichtet, war Essayist und forschte als Kunstwissenschaftler. Herman Grimm (1828–1901) arbeitete als Professor für Kunstgeschichte an der Kaiser-Wilhelm-Universität Berlin, er war ein großer Freund der Renaissance und der Antike und machte sich einen Namen mit seinen Biografien über die Ausnahme-Künstler Raffael und Michelangelo. Er war Goethe-Biograf. Xenia Fink hat sich monatelang mit all diesen Büchern beschäftigt.

Bilder

Sie studierte Herman Grimms Texte und Zeichnungen mit den antiken Motiven und Madonnenentwürfen. Ihre skizzenhaft wirkenden Arbeiten zeigen Körperfragmente und Kleidungsstücke voller Faltenwürfe – immer wieder neu komponiert. Sie spricht von eigenen Bilderwelten, die sie zusammengesetzt habe. Dem Betrachter begegnen fein gearbeitete Striche, aber auch Leerstellen. Mal fehlen Gesichter, mal Hände und Arme. In manche ihrer zarten Arbeiten setzt sie als Kontrapunkt pechschwarze Silhouetten. Alles bleibt beim Fragmentarischen. Neben diesen Zeichnungen hat sie sich auch zu einer Installation inspirieren lassen – eine Collage mit Texten aus Büchern der Herman-Grimm-Sammlung. Es dreht sich alles – wie einst beim angesehenen Wissenschaftler – um Kunst und Künstler. Fink gehe es um eine neue Wahrnehmung, um heutige Blicke auf dessen einstiges Wirken, sagt sie.

Zugang zu Museen und Archiven

Dass sich die einstige Studentin der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein und der Universität der Künste Berlin so intensiv mit dem Archiv in Haldensleben beschäftigen konnte, ist dem Projekt Heimat-Stipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt in Zusammenarbeit mit dem Museumsverband zu verdanken. Ein Jahr lang hat es neun Künstlern Zugang zu Museen und deren Archiven ermöglicht.

Manon Bursian, Direktorin der Kunststiftung, spricht von einem deutschlandweit einmaligen Förderprogamm. Dabei gehe es nicht allein um eine künstlerische Reflexion des kulturellen Erbes des Landes, sondern auch darum, mit zeitgenössischer Kunst ein neues Interesse beim Publikum der Museen zu wecken.

Hoffen auf neue Wahrnehmung

„Wir erhoffen uns eine andere Wahrnehmung und eine Belebung des Hauses“, sagt die Haldenslebener Museumsleiterin Judith Vater. Seit 1978 gibt es zur Familie Grimms in ihrem Haus am Breiten Gang eine Dauerausstellung. 2005 wurde sie neu gestaltet. Ab heute Abend kann sie dank der Arbeiten von Xenia Fink neu entdeckt werden. Dem Blick in die Vergangenheit werden bis in den November hinein Positionen aus der Gegenwart gegenübergestellt – wie auch in den anderen sieben „Heimat“-Museen in Sachsen-Anhalt.

Die Ausstellung „Grimm – Ein Archiv“ wird am Freitag um 19 Uhr im Museum Haldensleben, Breiter Gang, eröffnet. Zu sehen ist sie bis 18. November. Geöffnet: dienstags bis freitags 9 bis 12, 14 bis 17 Uhr, sonntags 10 bis 12, 14 bis 17 Uhr.