Hundertmal einzigartig
100 Porträts für das Deutsche Filmmuseum sind im Magdeburger Kunstmuseum
Kloster Unser Lieben Frauen zu sehen. Die Arbeiten "Stand der Dinge"
des Berliner Fotografen Jim Rakete zeigen Prominente hautnah.
Magdeburg l Kein freies Fleckchen im Museumsfoyer. Die Gäste der Eröffnung standen und saßen dichtgedrängt. Eine Exposition der Superlative macht für drei Monate in der Landeshauptstadt Station. Jim Rakete hat die Porträtreihe "Stand der Dinge" für das Filmmuseum in Frankfurt/Main exklusiv entwickelt. Mit der Euphorie der Konsumenten geht der nur bedingt konform. Selbst bezeichnet der Künstler das Projekt ohne Koketterie eines seiner technisch "anspruchslosesten Projekte".
Ohne zusätzliche Scheinwerfer und aufwendige Technik traten die Dargestellten vor die Kamera. Mit einem Requisit oder für sie bedeutenden Gegenstand ließen sie sich ablichten. Maßstab für die Auswahl der Umgebung, der Artefakts waren persönliche Erinnerung oder Erlebnisse der eigenen filmischen Laufbahn. Das schafft einen dokumentarischen Rahmen für jedes einzelne Foto. Es erzählt Geschichte, öffnet neue Sichten auf den Porträtierten.
Götz George trägt die legendäre Schimanski-Jacke. Mehr ist nicht nötig, sein Markenzeichen reicht für das Foto völlig aus. Der Regisseur von "Good Bye, Lenin!", Wolfgang Becker, entschied sich für eine goldene Büste des Revolutionsführers. Erstanden auf einem Flohmarkt kam sie im Vorspann des Films zu Ehren. Gleich zweimal kommen Requisiten aus "Die Blechtrommel" zum Einsatz.
Katharina Thalbach gibt sich unprätentiös, hat mit Wassereimer und Scheuerbürste eine Treppe blitzblank geputzt und zeigt ihre Freude über die vollendete Aufgabe. Volker Schlöndorf entschied sich für das dominierende Stück aus dem gleichen Streifen. Er präsentiert die nahezu kulthafte Blechtrommel. In "Sonnenallee" spielte Alexander Scheer seine erste Filmrolle. Als Beleg für die Geschichte des Streifens hält er eine altes Schulheft aus DDR-Tagen vor sich.
Die Porträts sind sehenswert. Der gleiche Stil in der Bearbeitung schafft trotz der Farbe im Bild einen eher nostalgischen Eindruck. Alle Fotos erhalten durch Sepiatöne etwas Verbindendes, schaffen Distanz aber auch Nähe. Die 100 Porträts bekommen so eine Klammer, wirken wie aus einem Guss. Es entsteht eine Reise in die Filmgeschichte, lässt Erinnerungen wach werden.
Jim Rakete zeigt im Gespräch eine gewisse Distanz zu seinen Arbeiten von "Stand der Dinge". Das übergroße Interesse hat für ihn einen zwiespältigen Nachklang. "Fotografiere ich Obdachlose in Berlin, dann erfährt es kaum jemand", lautet seine nüchterne Einschätzung. Zudem will er seine Schwäche für Fotos in Schwarz-Weiß nicht verleugnen. Die Reduzierung auf zwei Farben reizt ihn, schafft Eindrücke, die mehr Konzentration für das Dargestellte ermöglichen. Fotografie ist im Umbruch, hat eigentlich schon die Schwelle ins digitale Zeitalter überschritten. Rakete macht kein Hehl aus seiner Vorliebe für die klassische analoge Fotografie. Er bedauert die Abwendung von der Mittelformat- oder Plattenkamera, die "heute kein junger Fotograf mehr bedienen kann". Für ihn geht das, wie auch in anderen Bereichen, mit einem sinkenden Stellenwert handwerklichen Könnens einher. Generell konstatiert er "einen fehlenden Respekt vor der geschaffenen Arbeit". In einer Zeit totaler Kommunikation, die durch Handy, Computer und Internet geprägt sei, reden alle Konsumenten mit.
"Ich habe die neuen technischen Möglichkeiten der Fotografie überlebt", resümiert er und will darüber eigentlich nicht mehr reden. Ihm fehlt gerade in diesem Bereich das Haptische, das Gefühl für Möglichkeiten und Chancen der intensiven Beschäftigung mit dem Foto. Die Dunkelkammer, sie habe er immer geliebt, sieht der 1950 geborene Rakete als ein besonderes Refugium. Dort bestehe die Möglichkeit, in Ruhe das auf dem Film Festgehaltene zu reflektieren, es bleibe Zeit zum Nachdenken. "Das fehlt mir", lautet sein Resümee.
Die Ausstellung ist bis zum 6. Januar 2014 im Kunstmuseum Magdeburg zu sehen. Dienstag bis Freitag 10 - 17 Uhr, Wochenende 10 - 18 Uhr.
