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Intendant Alexander Netschajew vor seiner ersten Inszenierung am Theater der Altmark Stendal "Ich bin mittendrin statt bloß dabei"

07.09.2012, 03:13

Alexander Netschajew, neuer Intendant des Theaters der Altmark Stendal, steckt mitten in den Proben für seine erste Inszenierung. Grit Warnat hat mit ihm über seinen Einstieg am Theater, seine Erstinszenierung in Stendal und die neue Kampagne gesprochen.

Volksstimme: Sie bieten mir Wasser an, kein Schnäpschen. Sie sind auch gar nicht betrunken.

Alexander Netschajew: Sie spielen auf unsere Kampagne an.

Volksstimme: Ja. Auf Ihren Werbeplakaten für die neue Spielzeit steht: "Im Theater ist der Intendant immer besoffen." Wie kommt das an?

Netschajew: Erstaunlich gut. Ich habe bisher vor allem Leute getroffen, die grinsen müssen und die Aktion - genauso wie wir - witzig finden.

Volksstimme: Wie kamen Sie auf diese Idee?

Netschajew: Wir wollten mit so manchem Klischee spielen. Die Kollegen hatten Ideen entwickelt, fünf Sprüche sind geblieben, wobei der besoffene Intendant und die Schauspieler, die am Theater immer nackt sind, die Spitzenreiter sind. Ich habe auch schon gehört, dass manche den Kopf schütteln und besorgt gefragt haben, was denn mit dem neuen Intendanten los sei.

Volksstimme: Das Theater ist im Gespräch.

"Schiller ist unglaublich heutig, dieser Text ist nichts Verstaubtes"

Netschajew: Genau. Das wollen wir auch. Wir wollen ein Schmunzeln in die Gesichter zaubern und animieren, doch zu uns ins Haus zu kommen.

Volksstimme: Sie sind seit August in Stendal.

Netschajew: Gefühlt seit zwei Jahren.

Volksstimme: Sie sind also längst angekommen?

Netschajew: Oh ja. Ich bin mittendrin statt bloß dabei und fühle mich sehr wohl.

Volksstimme: Sie stecken in den Vorbereitungen für die Inszenierung "Kabale und Liebe". Mit dem Stück wird die Spielzeit eröffnet. Ausgesucht wurde es noch von Ihrem Vorgänger Dirk Löschner. Sind Sie zufrieden mit seiner Wahl?

Netschajew: Ich bin nicht nur großer Klassik-, sondern auch ein großer Schiller-Fan. Ich hätte mir vielleicht noch ein, zwei Jahre Zeit gegönnt, um mich an "Kabale und Liebe" zu wagen. Aber die Proben gestalten sich sehr inspirierend, das Stück ist großartig, ein so modernes, freches, erfrischendes Werk, in dem man immer wieder auf neue Aspekte trifft. Das Bühnenbild wird eine karge Strenge haben und trotzdem Fantasieräume öffnen. In Kopplung mit den wunderbaren Kostümen wollen wir den agierenden Schauspieler in den Mittelpunkt stellen.

Volksstimme: Das Theater Magdeburg lädt eine Woche nach Stendal ebenfalls zur Premiere von "Kabale und Liebe" ein. Warum soll man in Ihre Inszenierung gehen?

Netschajew: Aus den Gründen, die ich eben schon gesagt habe. Das Allerbeste wäre natürlich, man schaut sich beide Inszenierungen an. Mit einem Augenzwinkern betrachtet, ist es ein künstlerischer, aber völlig autarker Wettstreit. Ich hoffe natürlich, dass der Funke überspringt, dass das Publikum berührt ist und von Schiller inspiriert das Theater verlassen wird. Und vielleicht geht mancher dann in die Inszenierung in Magdeburg oder die Magdeburger kommen nach Stendal. Auf alle Fälle kann man sich das Stück zweimal anschauen, denn eine allumfassende Interpretation ist nicht möglich.

Volksstimme: "Kabale und Liebe" ist ein vielgespieltes Stück an deutschen Theatern. Ist es diese Interpretationsfülle, die das Stück so interessant macht?

Netschajew: Absolut. Dieser Text ist derart reichhaltig, so dass er vielseitig interpretiert werden kann. Der Erfolg hat mit der grandiosen Geschichte zu tun, mit den unglaublichen Gefühlsachterbahnen und Bildern, die sicher jeder schon erlebt hat. Jeder, der einmal betrogen wurde, weiß, welche Verletzung, auch welche Wut in einem steckt. Und wie es ist, wenn man erfährt, dass man betrogen wurde und sich der Boden unter einem öffnet und man runterfällt. Das ging nicht nur Schiller so. Das geht uns doch allen so. Da merkt man, wie nah uns dieses Stück ist. Schiller ist unglaublich heutig, dieser Text ist nichts Verstaubtes, sondern hochpsychologisch. Mir als Theatermann geht da das Herz auf.

Volksstimme: Es ist Ihre erste Inszenierung. Ihnen, dem Neuen, ist ein neugieriges Publikum gewiss. Sind Sie besonders angespannt?

Netschajew: Ja, natürlich. Aber ich bin zuversichtlich. Ich weiß, ich habe ein gutes Stück, von dem ich selbst gepackt bin. Ich weiß, dass ich ein gutes Ensemble habe und ich weiß auch, was ich kann. Aber ganz ehrlich: Jede Premiere ist ein Herzklopf-Event.

Volksstimme: Die Regiearbeit ist nur ein Bruchteil Ihrer neuen Aufgabe am Haus. Auch für Sie ging es schon um die Finanzen. Sie mussten im städtischen Finanzausschuss bereits sagen, dass Ihr Haus für dieses Jahr vor allem durch Tarifsteigerungen eine Finanzierungslücke von 150000 Euro erwartet. Das ist kein optimaler Einstieg.

"Das ist für mich eine ganz komfortable Situation"

Netschajew: Ja, das ist wahr. Dieses Defizit ist bedauerlich, aber es lag weder an meinem Vorgänger noch an mir. Ich habe auch geschaut, die Ausgaben bei unseren Gästen noch etwas zu reduzieren. Natürlich sparen wir ein, wenn wir etwas streichen. Aber jede nicht stattfindende Vorstellung bringt auch nichts in unsere Kasse. Ich hatte das Gefühl, dass jedem hier in der Stadtverwaltung und im Stadtrat bewusst ist, dass unser Haus seine Hausaufgaben hinsichtlich des Budgets gemacht hat. Dass zurzeit die Kommune auf den Kosten für Personalausgaben sitzenbleibt, betrifft ja nicht nur unser Theater.

Volksstimme: Was sagen Sie, wenn Förderkritiker das Argument der immer weniger werdenden Einwohner anführen?

Netschajew: Das Argument höre ich immer wieder: Weniger Bevölkerung und weniger Einnahmen müsse auch weniger Kultur folgen. Kultur aber muss man als Investition sehen, mit der man eine Lebensqualität schafft und Leute zum Hierbleiben bewegt. Ich wiederhole dann gern unseren Bundestagspräsidenten Lammert, der sagte, Kultur eigne sich nicht zur Konsolidierung eines Haushaltes. Dazu ist ihr Anteil zu gering und sie selbst zu wichtig. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Volksstimme: Ein kurzer Blick noch auf die neue Spielzeit. Sie planen 17 Premieren. In der Ausschreibung der Stadt stand, bestehende Planungen sollen übernommen werden. War das Vorgedachte der Löschner-Brüder für Sie ein Problem?

Netschajew: Nein, überhaupt nicht. Die Spielzeit ist gut vorausgeplant. Das ist für mich eine ganz komfortable Situation. Mir waren noch Stücke wie "Mutters Courage" oder "Blackbird" wichtig, die wir noch als Premieren ins Programm eingebaut haben.

Volksstimme: Sie fühlen sich wohl in Ihrer Intendantenrolle?

Netschajew: Bisher schon. Ich hatte das Glück, hier einen sehr korrekten Vorgänger gehabt zu haben, der mich gut eingearbeitet hat. Und ich habe ein Team vorgefunden, das mich gut aufgenommen hat. Man sagt ja, es ist leichter ein Haus zu gründen als eines zu übernehmen. Das kann ich in diesem Falle nicht bestätigen.

Spielzeiteröffnung am 22./23. September mit den Premieren "Kabale und Liebe" und "Die drei kleinen Schweinchen" (Puppenspiel), Konzert mit Konstantin Wecker und Eröffnungsfeier.