Ich und Kaminski: Zwei Egozentriker in Höchstform
Gegensätzlicher könnten der Kunstkritiker Zöllner und der blinde Maler Kaminski kaum sein. Ihr Zusammentreffen nimmt groteske Züge an. Was beim Lesen des Kehlmann-Romans Ich und Kaminski schon ein Spaß war, haben sich jetzt Filmemacher vorgeknöpft.
Berlin (dpa) - Literaturverfilmungen genießen häufig einen schlechten Ruf: An die gedruckte Vorlage kommen sie nicht ran, sind zu kurz, zu oberflächlich. Autor Daniel Kehlmann sagt: Grundsätzlich teile ich die billige Skepsis gegenüber Literaturverfilmungen nicht.
Denn: Die meisten Filme seien schlecht - ganz gleich ob Literaturverfilmung oder nicht. Und wenn ein Film gelungen ist, fragt man nicht mehr danach, auf welcher Vorlage er beruht. Das könnte dem 40-Jährigen nun wieder einmal selbst so ergehen: Nach Ruhm und Die Vermessung der Welt kommt jetzt Ich und Kaminski auf Grundlage des gleichnamigen Kehlmann-Romans in die deutschen Kinos.
Daniel Brühl spielt darin den glücklosen Kunstkritiker Sebastian Zöllner, der mit langen Haaren und Bart leicht verschroben aussieht. Das wird noch unterstützt durch seine überhebliche, großkotzige Attitüde. Er will eine Biografie über den fast vergessenen Künstler Manuel Kaminski (Jesper Christensen) schreiben, der als blinder Maler in die Geschichte einging. Doch Zöllner wittert einen Scoop: Kann der klapprige Kahlkopf sehr wohl sehen?
Die beiden narzisstischen Hochstapler könnten unterschiedlicher kaum sein, was Regisseur Wolfgang Becker schon mit ihren jeweiligen Wohnorten deutlich macht: Hier die helle, loftartige Großstadtwohnung, eingerichtet nur mit dem nötigsten Mobiliar. Dort das abgelegene Anwesen in den Alpen, vollgepfropft mit klobigen Sofas, dunklen Schränken und einer Dinnertafel.
Kaminski, von der Öffentlichkeit abgeschirmt durch seine strenge Tochter Miriam (Amira Casar), lässt sich nicht in die Karten gucken - schon gar nicht von dem mäßig engagierten Zöllner. Erst als der den Alten zu seiner Jugendliebe fahren soll, kommt die Geschichte - und damit auch die Beziehung der beiden - ins Rollen. Sie streiten über die Liebe, tragen Generationenkonflikte aus. Es wechseln die Rollen, wer gerade mehr auf wen aufpasst. Was als satirische Komödie gedacht ist, stimmt an einigen Stellen durchaus auch nachdenklich.
Im Gespräch kommt der bisweilen altklug erscheinende Künstler mit philosophischen Ratschlägen daher. So antwortet er, als der mittellose Zöllner Ich habe nichts erklärt: Dann werfen Sie es weg. In einer billigen Absteige ist er es wiederum, der sich eine Prostituierte aufs Hotelzimmer bestellt.
Dass es in dem Film um Kunst geht und dass er auf einem Buch basiert, wird schon an der Gliederung nach Kapiteln deutlich. Die Übergänge sind künstlerisch gestaltet: Die Filmszenen gehen in Standbilder über, die wie Malereien wirken. Kapitelnummer und Titel werden eingeblendet. Eine unkonventionelle Umsetzung, die aber sowohl dem Roman als auch dem kreativen Thema an sich gerecht wird.
Kehlmann war zwar nicht an den Arbeiten beteiligt, nach eigenen Angaben aber im ständigen Gespräch mit Becker und Autor Thomas Wendrich - über mehrere Drehbuchfassungen hinweg. Ich habe den Film schon mehrmals gesehen und finde ihn einfühlsam, witzig, einfallsreich und im schönsten Sinn ungewöhnlich, sagt der Schriftsteller nun - mehr Lob können Filmemacher wohl kaum bekommen.
Wer das Buch kennt, wird vieles wiederfinden. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied, den Kehlmann so beschreibt: Eine Herausforderung der Umsetzung lag natürlich darin, dass der Leser des Buches eingesperrt ist in die Ich-Perspektive eines eitlen und sich ständig selbst überschätzenden Erzählers - das ist im Film, der ja naturgemäß die Figuren von außen zeigt, nicht ohne weiteres zu machen. Dennoch dominiert die Zöllner-Perspektive.
Um das Klischee der Unverfilmbarkeit von Literatur zu widerlegen, führt Kehlmann Stanley-Kubrick-Filme an, No Country for Old Men der Coen-Brüder, Sam Mendes' Revolutionary Road und Alexander Paynes About Schmidt. Auch Ich und Kaminski kann als Beweis dienen.
Das Beste, was einem Film gelingen kann, ist, dass er sich von der Vorlage ablöst und einfach als das wahrgenommen wird, was er ist: ein guter Film, der sich selbst genügt, sagt Kehlmann. Und - ganz bescheiden - ergänzt er: Ich bin überzeugt davon, dass das auch bei Ich und Kaminski so sein wird.