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Zum 500. Mal fand eine der traditionsreichsten Musikreihen Deutschlands in der Geburtsstadt des Komponisten statt In der Sonntagsmusik wird Telemann lebendig

Von Caroline Vongries 06.12.2011, 04:23

Magdeburg l Es war nicht allein die Musik, die an diesem Sonntagvormittag bemerkenswert war. Einerseits ließ das Leipziger Barockorchester unter Leitung von David Timm im Gesellschaftshaus klanglich nichts zu wünschen übrig und spielte Telemann zu Ehren auf das Lebhafteste auf.

Doch war daneben bereits der Anlass für sich genommen ein Ereignis: Zum 500. Mal fand in der Geburtsstadt des Barockkomponisten und Musikers die Sonntagsmusik statt: vor 50 Jahren von Magdeburgern aus dem Nichts aus dem Boden gestampft, hat sie sich zu einer der traditionsreichsten deutschen Kammermusikreihen gemausert.

Für das dahinterstehende bürgerschaftliche Engagement gab es von Oberbürgermeister Lutz Trümper dafür eine Stadtplakette in Bronze.

Den Idealismus der damaligen Initiatoren bis heute heben Brit Reipsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Telemann-Zentrums, und dessen Leiter Carsten Lange hervor. Anfang der 60er habe es weder einen Sinn für historische Aufführungspraxis gegeben noch die dazugehörige Ausstattung, Zugang zu entsprechenden Instrumenten, das notwendige Notenmaterial oder auch Musiker, die sich dem Barock widmeten.

Arbeit hat dazu beigetragen, das Werk zu erschließen

Man habe aber nicht nur Mut und Weitsicht beweisen, so Lange. Es habe sich von heute aus betrachtet auch als klug erwiesen, die Konzerte fortlaufend zu nummerieren. "Das hat in schwierigen Zeiten, zum Beispiel nach der Wende, alle Beteiligten bei der Stange gehalten." Seit Ende der 1970er Jahre werden die Sonntagsmusiken von der wissenschaftlichen Einrichtung Teleman-Zentrum Hand in Hand mit dem Arbeitskreis veranstaltet. Diese Arbeit hat maßgeblich dazu beigetragen, das so reichhaltige Werk Händels zu erschließen.

Nicht zuletzt die anlässlich des Jubiläums gespielten Kantaten sind dafür ein Beispiel. Mit "Hosianna! Dieses soll die Losung sein" setzt das Jubiläumsprogramm ein, diese geistliche Kantate, eine von rund 1800, die Telemann verfasst hat, 1736 erstmals aufgeführt, wurde vom damaligen Leiter des Telemann-Zentrums Wolf Hobohm erst Anfang der 90er Jahre in einem Archiv in Brandenburg wiederentdeckt.

Die zweite Kantate "Die Hirten bey der Krippe", ein opulentes Alterswerk Telemanns, 1759 uraufgeführt, wird oft als das "etwas andere Weihnachtsoratorium" betitelt. Mit Kathleen Danke (Sopran), Benjamin Boresch (Alt) Hartmut Schröder (Tenor) und Thomas Oertel-Gormanns (Bass) hatte man versierte Gesangssolisten gewinnen können, die das Publikum fachkundig in Telemanns Welt entführten.

Ein sanfter Wind, der die Zeitgrenzen aufhob

Einzig der Alt(us), historisch korrekt männlich besetzt (im 18. Jahrhundert war es Frauen nicht erlaubt, in der Kirche zu singen), vermochte, vor allem im ersten Teil des Konzertes, nicht an allen Stellen zu überzeugen.

Ingesamt jedoch war die Gesamtleistung, das Miteinander von Musik und Gesang höchst beeindruckend und bewegend. Wunderbar musizierte das um einige Musiker verstärkte Leipziger Barockorchester. Einen sanften Wind, der die Zeitgrenzen zwischen den Jahrhunderten aufhob, entfachten die Musiker, allen voran Konzertmeisterin Constanze Beyer. Leichtigkeit und Temperament, die Versiertheit der Telemannschen Kompositionen wurden deutlich. Das Spiel im Stehen setzte einen zusätzlichen Akzent. Insgesamt ist der ausgewogene Klang, in den sich Streicher, Holz- und Blechbläser, Cembalo und Schlagwerk gleichermaßen einbetteten, hervorzuheben.

Zu danken auch der sensiblen Führung David Timms als Universitätsmusikdirektor in Leipzig und durch seine außergewöhnlichen Musikprojekte international bekannt. Sein Sinn fürs Ganze gab der Aufführung immer die rechte Fassung.

Völlig zu Recht gab es zum Schluss minutenlangen Applaus. Man wünscht sich, gemeinsam mit Telemann, dass es mindestens noch weitere 500 Sonntagsmusiken geben wird ...