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Figurentheaterfestival Magdeburg Jedem Menschen seinen Vogel

27.06.2011, 04:48

Von Claudia Klupsch

Magdeburg. Jedem Menschen seinen Vogel, jedem seinen Spleen, sein Pläsierchen, seine Freiheit. Dahinter setzt "Die Rabenfrau" von Marcel Cremer ein Ausrufezeichen. Mit dem Stück war das Theater der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens "Agora" zu Gast beim Internationalen Figurentheaterfestival in Magdeburg

"Rabenfrau" nennen die Dorfbewohner die Außenseiterin am Rande der Siedlung. Jene lebt mit einem Raben zusammen. Ein Weib seltsamen Gebarens mit einem schwarzen Vogel auf der Schulter - das genügt der Gemeinschaft, die Frau zu meiden.

Marcel Cremer, auch Regisseur des Stückes, lässt Schauspielerin Viola Streicher solo die Geschichte der Einzelgängerin erzählen - mit kraftvoller Sprache aus Worten, Spiel und Tanz. Zeit und Raum bleiben nicht klar benannt. Von einer Insel im hohen Norden ist die Rede - vermeintliche Idylle, wie Videosequenzen zeigen. Sabine Rixen und Gerd Vogel haben in ihrem Bühnenbild ein kleines Fenster am oberen Rand gelassen, das Bilder sattgrüner Natur abspielt, immer im Takt der Geschichte. Dominiert wird die Bühne von einer Wand vieler Gesichter. Alle sind sich ähnlich, skizzenhaft, schwarz-weiß, die große Masse, nicht freundlich, keine Idylle.

Davor diese junge Frau im luftigen Sommerkleidchen. Sie zeigt hinauf zum unterreichbar hohen Vogelnest, springt ihm entgegen, erzählt, wie Frau und Rabe sich fanden, Poesie und Sinnfreiheit wechseln, sie sagt Sätze wie "Vögel im Käfig singen von Freiheit. Freie Vögel fliegen", erzählt dann grottig schlechte Witze, weil Raben angeblich gern Witze hören. Sie hält immer wieder inne, lauscht der Musik, die mal leicht, mal schrill in den Ohren klingt, sie tanzt die Seelenlagen der Rabenfrau, mal walzerisch-beschwingt, mal aufstampfend-widerspenstig gegen Heimat-Tümelei.

Wenn Mimik und Stimme auch nicht durchgehend überzeugen, so gelingt es Viola Streicher doch eindringlich, die Verschrobene, die Andersartige zu zeigen. Sie schafft es auch, den Vogel mit auf der Bühne zu haben, obwohl er nicht zu sehen ist. Sie verkörpert eine Frau, die ihren Weg geht und dafür einen hohen Preis bezahlt. Beklemmend wirkt die Szene, als sich die Rabenfrau immer wieder den gerade aufgetragenen grell-roten Lippenstift abwischt. Merkwürdig fremd mutet die Tanzchoreografie zu mitunter wilder Musik an. Viel Kraft ohne Anflug von Anmut. Anders, fremd. Der Betrachter ist eher verwirrt als berührt.

"Die Rabenfrau" ist ein "anderes" Theaterstück, das keinen einfachen Zugang zulässt. Die Botschaft ist bei einem Festival namens "Blickwechsel" genau richtig.