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Kein Selbstbild machen: Rassismus-Komödie Geächtet

Als Konversationsstück über Religion und Rassismus trifft Geächtet den Nerv der Zeit. Unter viel Beifall ist Ayad Akhtars gefeiertes Werk in Hamburg zur deutschsprachigen Erstaufführung gekommen.

Von Ulrike Cordes, dpa 17.01.2016, 13:18

Hamburg (dpa) - Das Sofa ist stylish, die Kleidung hip, der Scotch ausgezeichnet: In seinem Upper-East-Side-Apartment darf sich das New Yorker Karrierepaar Amir und Emily als angekommen betrachten - er als Wirtschaftsanwalt in einer Top-Kanzlei, sie als geachtete Malerin.

Geistig ist man liberal und damit ebenfalls auf der Höhe der Zeit. Allerdings bei unterschiedlicher Meinung: Amir hat sich vom Glauben seiner Moslem-Familie losgesagt, sie hingegen nutzt die islamische Tradition als wichtige Inspirationsquelle für ihre Arbeit.

Wie auch in einem solchen Bildungsmilieu Rassismus sowie religiöse und politische Vorurteile gären und ausbrechen können, zeigt Ayad Akhtar (45) so unterhaltsam wie eindringlich in seinem Stück Geächtet. Für das 2012 in Chicago uraufgeführte Werk wurde der pakistanisch-amerikanische Dramatiker mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis. Aktueller denn je, hat Geächtet am Samstagabend im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg unter Regie von Klaus Schumacher seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt. Für den 90-minütigen Abend gab es viel Beifall.

Subtil entkleidete dabei ein - bei wenigen Unsicherheiten - pointiert aufspielendes Fünfer-Ensemble seine Charaktere ihrer kultivierten Lackschichten - allen voran Carlo Ljubek als Amir und Ute Hannig als Emily. In relativ kleinem Format bei wenig äußerem Aufwand (für das Bühnenbild mit Sitzecke und Perlenschnurvorhang sorgte Jo Schramm) entstand so eine nuancenreiche Aufführung, die manch Zuschauer zum intensiveren Blick auch nach innen motiviert haben dürfte.

Weil Akhtars Stück so sehr den Nerv der Zeit trifft, haben es inzwischen auch Theater in Berlin, München, Wiesbaden, Dortmund und Zürich auf ihre Premierenpläne gehoben.

Die Handlung ist schnell erzählt: Um an ihrer Erfolgskarriere weiter zu basteln, laden Amir und Emily zwei berufliche Partner zum Essen ein. Isaac (Samuel Weiss) ist Kurator am Whitney Museum - und Jude. Seine afroamerikanische Frau Jory (Isabelle Redfern) arbeitet in derselben Kanzlei wie Amir unter jüdischen Partnern. Cool, witzig und intellektuell versnobt plaudert man über Kunst, Religion und Politik. Mit ihrem Satz Die Tradition der islamischen Fliesen eröffnet uns das Tor zu einer ganz außergewöhnlichen Freiheit profiliert sich etwa Emily als tolerant und aufgeschlossen. Doch mehr und mehr entwickelt sich die Begegnung zum Desaster.

Im Eifer des Wortgefechts bekennt sich der angeblich islamkritische Amir, der sich mit Familiennamen längst nicht mehr Abdullah nennt, zum Flugzeugattentat vom 11. September 2001 auf das World Trade Center: Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass wir letztlich siegten. Zugleich erzählt die Bühnengeschichte, dass im Westen heute weder Juden noch Schwarze die Geächteten und misstrauisch Beäugten seien, sondern Moslems. So erhält nicht Amir den erstrebten besseren Juristen-Job, sondern die dunkelhäutige Jory. Ich bin der Nigger, schreit er.

Du sollst dir kein Bild machen - gegen dieses Vorurteile verhindernde Gebot verstößt nicht nur Emily, die gleich zu Anfang ihren Mann, der da noch locker in Unterhosen auf der Sofalehne thront, im Stile von Velázquez' Mohrensklaven-Porträt (bekannt als Porträt des Juan de Pareja) von 1650 malt. Dagegen verstoßen im Stück alle - sie haben auch alle von sich selbst ein falsches Bild. 

Deutsches Schauspielhaus