63. Berlinale setzt politisches Signal / Der Preis für das beste Drehbuch geht an den iranischen Regisseur Jafar Panahi Kino aus Osteuropa räumt bei den Filmfestspielen ab
Berlin l Die feierliche Preisvergabe im Berlinale-Palast zeigte es noch einmal deutlich: Diese 63. Berlinale blickte gen Osten. Gleich vier Bären gingen an Filme aus Rumänien, Bosnien und Kasachstan - allesamt Länder, die einst zum sozialistischen System zählten und in denen heute die sozialen Unterschiede besonders krass sind.
Den Goldenen Bären erhielt der bittere rumänische Film "Die Stellung des Kindes" ("Child\'s Pose") von Calin Peter Netzer. Wie schon in einer Reihe anderer Wettbewerbsfilme dominiert hier eine starke Frau: Eine Mutter aus der Oberschicht lässt all ihr Geld und ihre Beziehungen spielen, um den ungeratenen Sohn zu schützen, der ein Kind totgefahren hatte.
Zwei Silberne Bären vergab die Jury unter Vorsitz von Wong Kar Wai an den Hauptfavoriten des Wettbewerbs, den bosnischen Beitrag "Episode aus dem Leben eines Eisensammlers". Der Große Preis der Jury ging an Regisseur Danis Tanovic, der 2001 einen Oscar gewonnen hatte. Außergewöhnlich ist die Kür von Nazif Mujic zum besten Hauptdarsteller. Denn der bosnische Roma spielt hier mitsamt seiner Familie sich selbst und seine Geschichte. Seine Frau Senada hat ein totes Baby im Leib, wird aber im Krankenhaus nicht operiert, weil sie weder krankenversichert ist noch die Rechnung vorab bezahlen kann. Erstaunlicherweise dramatisiert der Film diesen Kampf um das Leben der Frau nicht etwa, sondern erzählt fast schon lakonisch - das Drama ist der Alltag. Die Familie findet einen Trick, um Senada operieren zu lassen, Nazif zerlegt mit der Axt sein Auto, um mit dem Schrottpreis wenigstens Medikamente und Strom bezahlen zu können. Beeindruckend nicht nur, wie der Mann für seine Familie rackert, sondern auch, wie selbstverständlich sich die Roma untereinander helfen - von der Gesellschaft haben sie nichts zu erwarten.
Auch im kasachischen Film "Harmony Lessons" kämpft ein Außenseiter um seinen Platz. Der 13-jährige Aslan wird von brutalen Mitschülern ausgegrenzt und kann schließlich auf bizarre Weise Anerkennung gewinnen: Sein größter Peiniger liegt tot im Waschraum. Die Polizei foltert sogar Dreizehnjährige, um die Tat aufzuklären. Kameramann Aziz Zhambakiyev bekam für seine eigenwillig komponierten Bilder einen Silbernen Bären. Ein politisches Signal war der Preis für das beste Drehbuch an den iranischen Regisseur Jafar Panahi - der Filmemacher darf seit Jahren das Land nicht verlassen.
Aber auch Filme mit leichteren Themen wurden mit Silbernen Bären bedacht. So wurde Paulina Garcia für ihren umjubelten Auftritt als "Gloria" zur besten Schauspielerin des Berlinale-Wettbewerbs gekürt, der amerikanische Regisseur David Gorden Green bekam den Regie-Bären für seinen Film "Prince Avalanche". Das Porträt zweier Straßenarbeiter, die irgendwo in Texas die Fahrbahn markieren, sorgte mit seinen witzig-skurrilen Dialogen für viele Lacher in den Sälen.
Liebesdrama mit emotionaler Wucht
Während "Gloria" und "Prince Avalanche" eine gute Chance haben, mal ins reguläre deutsche Kino zu kommen, dürften es die Siegerfilme aus Rumänien, dem Iran oder Kasachstan schwer haben, einen Verleih zu finden. Die Tausenden aus aller Welt angereisten Festivalbesucher aber konnten viele Entdeckungen machen: Die Filmkunst ist wesentlich bunter als das Programm der Multiplexe und der Fernsehsender.
Im Panorama sorgte ein ergreifender belgischer Film für Aufsehen, wurde mit Preisen von Publikum und Kritikern überhäuft. "The Broken Circle Breakdown" handelt von der tragisch endenden Liebe zwischen einem Bluegrass-Musiker und einer Tätowiererin. Gegenüber der emotionalen Wucht dieses Liebesdramas wirken die handelsüblichen deutschen Romantikkomödien blass und schal. Auf der Berlinale konnte der deutsche Film in diesem Jahr kaum Akzente setzen. Der Pseudo-Western "Gold" floppte im Wettbewerb. Lars Kraumes Panorama-Beitrag "Meine Schwestern" über die letzten Tage im Leben einer herzkranken jungen Frau (Jördis Triebel) war gut gespielt, aber vorhersehbar konstruiert und würde einen guten ARD-Mittwochsfilm abgeben. Einen genauen Einblick in soziale Realitäten und Entwicklungen aber lieferten einzig Hans Georg Ullrich und Detlef Gumm mit ihrem Langzeitprojekt "Berlin - Ecke Bundesplatz".