Halle l Die fotografische Retrospektive zu Lagerfeld wird in Halle gut beworben. Der Name zieht natürlich auch überregional. Jeder hat den weißen Mozartzopf und die dunkle Brille des 2019 verstorbenen Modeschöpfers vor sich. Lagerfeld, immer perfekt gestylt, war der Mann des Selbstinszenierens und des Glamours. Auch seine Bildsprache steht dafür – sie ist eine ganz andere als die des französischen Fotografen Guy Bourdin (1928–1991). Bei Lagerfelds Selbstporträts musste jede Falte stimmen. Bourdin zeigt sich an einem kreativ-unaufgeräumten Arbeitstisch. Beiden aber ist die Präzision gemein.

Wo bleibt das Schönheitsideal?

In den Räumlichkeiten im Kunstverein Talstrasse hängen 150 seiner Fotografien, die einen Blick geben auf das Gesamtwerk des Werbe- und Modefotografen. Ganz frühe Arbeiten aus seinen jungen Jahren sind ausgestellt, noch schwarz-weiß aus den 1950ern und auf Briefumschlägen verewigt, bis hin zu seinen surrealen Blicken als Modefotograf. 1955 erschien das erste Foto in der französichen „Vogue“. Später arbeitete der Fotografie-Autodidakt für bekannte, internationale agierende Magazine und Marken wie Chanel, Dior, Ungaro und das Schuhlabel Charles Jourdan. Mit gedruckten Millionenauflagen erreichte er ein Millionenpublikum.

„Guy Bourdin war ein Pionier darin, die Modefotografie von ihren Konventionen zu befreien“, schreibt die Kunsthistorikerin Shelly Verthime im Katalog zur Ausstellung. Bei Bourdin gibt es auch lange, schöne Beine und jede Menge Schuhe. Aber er bricht radikal mit Dagewesenem, drapiert kein super schlankes Modell auf einer Bank, sondern setzt auf dessen verselbständigte Beine. Wo bleibt das Schönheitsideal der Branche? Pelze, damals noch in, spielen auch eine Rolle, aber grazile Frauenköpfe versteckt er schon mal unter großen Hüten, dichtes rotes Haar lichtet er im Fluss des dichten grünen Grases ab. Gar verstörend wirken auf den Betrachter seine ihm sehr eigenen Blicke auf Frauen mit großen Hüten, die man in einer VIP-Loge einer Pferderennbahn verorten möchte. Boudin aber lichtet schöne Frauen vor geschlachteten Tieren ab. Einer Dame mit Perlohrringen unter dem aufwendig gestalteten Haute-Couture-Hut hängen fette Fliegen am Hals. Eklig wirkt das. Die „Vogue“ veröffentlichte das Foto 1959.

Bilder

Fast schon fehl am Platz könnte man über Arbeiten aus den Jahren 1974/75 meinen, weil das Marode, Morbide im Zentrum der dicht gehängten Arbeiten steht. Kaputte Glasscheiben, bröckelnder Putz, alte Schuppen. Er spielt mit Linien und geometrischen Formen. Der Mann hinter der Kamera hat Wert gelegt auf die Komposition des Bildes. Erkennbar ist sie bereits in Porträts von Künstlern, die in den 1950er Jahren entstanden, wo Wände und Rohre zum Bildmittelpunkt avancieren.

Lagerfeld und Bourdin waren sich Ende der 1950er Jahre erstmals begegnet, sie kannten sich aus ihrer Arbeit. Lagerfeld wechselte 1963 zu Chloé, da fotografierte Bourdin schon für die Marke. Dass in Halle nun diese beiden Protagonisten der Mode und ihrer Fotografie zeitgleich zu sehen sind, ist Verdienst des Kunstvereins Talstrasse, der nicht zum ersten Mal einer großen Schau im Kunstmuseum Moritzburg zeitgleich eine weitere Positionierung hinzufügt. Durch Corona und lange Schließzeiten der Häuser ist Bourdin bis zum 1. November verlängert worden, Lagerfeld bis zum 6. Januar 2021. Besucher der Lagerfeld-Retrospektive sollten sich auch in die schön gelegene Talstraße an der Saale aufmachen. Es lohnt, den weniger bekannten Guy Bourdin kennenzulernen.