Wenig mehr als der Titel ist geblieben. Auch der Autor Sean O\'Casey ist eigentlich eine Täuschung des Publikums. Eine textliche oder inhaltliche Anlehnung? Ganz, ganz weit entfernt. Das Schauspiel "Purpurstaub" in der Regie von Lukas Langhoff am Anhaltischen Theater Dessau ist ein völlig neues Stück.

Dessau-Roßlau l Nicht Irland und den in der Originalkomödie mit dem besonderen irischen Humor beschriebenen irisch-englischen Konflikt erlebten die Zuschauer in diesem im Programm angekündigten "Versuch einer Übernahme". Ihnen wird das Dessauer Theater auf der großen Bühne präsentiert. Besser noch, was davon übriggeblieben ist - eine angstmachende Vision. In dem weit in die Bühnentiefe reichenden Saal blättert die Farbe flatschenweise ab (Bühne Sven Mahatma Nahrstedt; Kostüme Ines Burisch). Durch beiderseits viele Türen stürmen immer wieder verschiedene Figuren. Als später auf der Bühne ein Flügel gebraucht wird, kommt eine Kettensäge zum Einsatz. Ossis sind eben einfallsreich und praktisch veranlagt.

Ideelles Anderssein

Hier ist auch schon der dem Stück innewohnende Konflikt genannt. Wessi-Unternehmer Dominikus Schweighuber (Simon Brusis) mit Kumpel Wilhelm (Stephan Korves) aus München kommen nach Dessau, um das baulich marode Ossi-Theater und die übriggebliebenen Theatermitarbeiter "aufzumöbeln" und ein zuschauerbringendes Musical zu inszenieren.

Beim "körperlichen" Aufeinandertreffen von Westlern und Ostlern trifft auch viel ideelles Anderssein aufeinander. Da geht bei Lukas Langhoff und dem zum Teil auch am Text-Neufassen und dessen Umsetzung aktiv mitwirkenden Ensemble oft die Fantasie durch. Klischees lassen grüßen. Überzeichnen gehört sicher zu guter Satire, darüber Hinausgehendes wird dann eher zum Klamauk. Die im Original eine größere Rolle spielende Liebesdramatik fällt ganz weg. Eigentlich schade. Ost-West-Liebe wäre doch vielleicht auch ein dramaturgisch dankbarer Handlungsstrang.

Die Dessauer Theaterleute mit "Mehrfachverpflichtung" unterscheiden sich weniger durch Charaktere, mehr, und das mit schon nerviger Pene- tranz, durch äußere, manchmal auch bei bestem Wohlwollen nur schwer nachvollziehbare Aktionen.

Apropos Aktivität und Handlungstempo: Schreien kann und muss schon mal sein, wo es dramaturgisch passt. Aber wenn zu schnelles Sprechen zum Textverlust führt, ist es des Guten zu viel. Das immanente Greinen und Arme in der Hose versenken von Jan Kersjes ist hinnehmbar, gehört zu dessen sonderbarer Rolle. Dabei kann gerade er aber auch so schön Klavier spielen und emotional singen.

In Langhoffs "Purpurstaub" gibt es Musik, oft mit überraschenden Einsätzen, aber sicher publikumswirksam - unter anderem von den Puhdys, Karat, Karussell und Silly. Vorarbeiter Pantzer (Gerald Fiedler) hat neben dem souveränen Sagen im Theaterrestkollektiv ebenso beim Singen einen Hauptpart zu bewältigen.

Nach einem turbulenten Besetzungsgespräch erleben Dominikus Schweighuber und auch die Zuschauer eine auf Rollschuhen präsentierte Szene aus "Starlight-Express". Licht, Farbe, Musik - und aus.

Die Premiere am Sonnabend, in der ebenfalls Christel Ortmann, Jenny Langner, Katja Sieder, Peter Wagner und Sebastian Müller-Stahl mitwirkten, wurde mit viel Beifall bejubelt. Nachsatz: "Das Theater bedarf ständiger Erneuerung, damit es nicht stirbt", heißt ein Statement der deutsch-schweizerischen Dramatikerin Sibylle Berg auf dem Programmplakat. Ob dieser "Purpurstaub" dafür der geeignete Beitrag ist, bleibt allerdings zu bezweifeln.

Nächste Aufführung am 5. Mai um 17 Uhr.