"Scheiß die Wand an!" Diesen deftigen Mutmach-Spruch bringt Maikäfer Sumsemann in der Fassung des Märchens "Peterchens Mondfahrt" des Nordharzer Städtebundtheaters gleich mehrfach zu Gehör. Die meisten Eltern sind entsetzt, die Kleinen reagieren wohlerzogen. Also verhalten.

Von Hans Walter

Quedlinburg. Am Ende der Premiere am Sonnabend im rappelvoll-quietschvergnügten Großen Haus in Quedlinburg dennoch langer Applaus von sechs Minuten Dauer. Als diesjähriges Weihnachtsmärchen wird eine einstündige Textfassung von Brian Michaels und Ulrike Schanko nach dem Buch von Gerdt von Bassewitz gespielt. Die designierte Chefin des Theaters Itzehoe und der Regisseur und Folkwang-Professor Michaels erzählen die altertümliche Geschichte von Anneliese und Peterchen und dem beinamputierten Maikäfer mit einiger Drastik und reduziert auf wesentliche Handlungsstränge. Die Nordharzer gastieren denn auch mit drei Vorstellungen im Dezember in Itzehoe.

Für das Bühnenbild schuf Ausstatterin Anna Strauß als Gast einen himmlischen Adventskalender. Der Wolkenhimmel öffnet sich immer wieder auf der Reise der drei Helden zum Mond und gibt die Gehäuse des Sand- und des Donnermanns, des Manns im Mond (alle drei gespielt von Markus Manig), von Blitzhexe, Regenfritz und August Auge (Susanne Rösch) sowie Hagelhans, Oskar Ohr und der Nachtfee (Julia Siebenschuh) preis.

Aus dem Geschehen wird ein auf wichtige Naturgewalten reduziertes Nacheinander; die episch verzweigte Anlage der Figuren im Buch muss dabei aufgegeben werden. Nichts da etwa mit dem gestrengen Sandmann, der die Sterne beim Putzen auf der Sternenwiese am Mond beaufsichtigt. Oder mit Sumsemann mit seiner Silbergeige. Oder mit dem Ritt auf dem Großen Bären. Oder der poetischen Fahrt mit dem von Nachtfaltern gezogenen Mondschlitten zum Schloss der Nachtfee.

Im strassbesetzten Kleid glitzert sie vor der farbigen Mondkulisse auf ihrer Showtreppe in einem Regen von Seifenblasen. Eine kluge, gütige Fee. Ein gefährliches Abenteuer liegt vor dem unternehmungslustigen Trio, das sich durch ein Liedchen Mut macht. "Kopf hoch, allein schafft man‘s nicht". An der Stelle gibt‘s es zum zweiten Mal Szenenapplaus.

Regisseur Sebastian Wirnitzer als Gast mühte sich rechtschaffen am drögen Text mit seiner Trivialsprache. Lacher erzielt er, wenn der arme Sumsemann (Robin Weinem als Gast) auf den Rücken fällt – "der erste Käfer, der sich in die Hosen macht, wenn‘s donnert." Pfefferkuchenduft bei Bassewitz weicht in dieser Textversion der Kloake. Immerhin gibt es für Erwachsene witzige Verweise auf das Buch Ruth des Alten Testaments und auf Shakespeares "Hamlet": "Bein oder Nicht-Bein – das ist hier die Frage!"

Moderne Poesie kommt aus den Kostümen. Anna Strauß gibt der Blitzhexe ein von Leuchtdioden funkelndes Kostüm, sie zieht den Donnermann mit Helm und Paukenschlägeln an. Ihr sprachlich norddeutsch angelegter Regenfritz kommt mit einer großen Wasserpistole daher, und der bärtige Hagelhans trägt Südwester und Wathose wie ein Fischer; die tollen Erfinder der Mondkanone August Auge und Oskar Ohr sind ein gewitztes Slapstick-Paar.

Der Quedlinburger Komponist Martin Orth als Gast schuf eingängige Lieder für Gitarre und Geige. Sie erhöhen den Reiz der Inszenierung und werden live gesungen – eine schöne Leistung von Robin Weinem und der außergewöhnlich guten Kinderdarsteller.

Wenzel Gernhoefer und Edith Bürger alternieren mit Augustin Kalbhenn und Alexandra Wegner als Peterchen und Anneliese. Sie zeigen Spiellust, Wachheit, Sprachkultur und Disziplin – es ist eine wahre Freude! Hier zeigt die Regie Hervorragendes. Die Bravorufe am Schluss waren verdient!