"Frau Holle" gehört zu den wichtigsten Märchen der Gebrüder Grimm. Wohl kaum einem Kind ist die Geschichte von der Gold- und der Pechmarie unbekannt. Das Magdeburger Puppentheater hat für die bevorstehende Weihnachtszeit "Frau Holle" so poetisch und fröhlich inszeniert, dass man meinen könnte, ein völlig neues Märchen zu erleben. Begeisterter Beifall zur Premiere am Sonnabend war der Lohn.

Von Rolf-Dietmar Schmidt

Magdeburg. Von dem Märchen der Frau Holle gibt es so viele Varianten und Adaptionen, dass man meint, vermutlich schon alle irgendwie gesehen oder gehört zu haben. Pierre Schäfer, der das Stück für das Magdeburger Puppentheater inszenierte, zeigt, dass diese Annahme falsch ist. Er eröffnet einen völlig neuen Blickwinkel auf das Märchen und macht das so zauberhaft, so fröhlich, stellenweise dramatisch, immer poetisch und unbekümmert, dass einem die so bekannten Figuren neu und doch vertraut vorkommen.

Er hat die Geschichte außerordentlich einfühlsam bearbeitet, niemals – was bei kleineren Kindern besonders wichtig ist – die Eckpunkte des Geschehens verändert. Trotzdem erscheinen die Handelnden in einem ganz anderen Licht, sind viel lebendiger und moderner, werden zu Polarisationsfiguren. Es ist große Kunst, wie diese Inszenierung den latent vorhandenen pädagogischen Ansatz so in lebendiges Spiel verpackt, dass er sich praktisch durch die Hintertür der Fröhlichkeit und des Lachens in den Köpfen verankert.

Die Regie wird durch eine grandiose Puppenspielleistung unterstützt. Einzelne Figuren, wie die böse Stiefmutter oder Frau Holle, agieren von zwei Puppenspielern direkt geführt als fast lebensgroße Puppen auf einer Bühne, andere, wie der Hahn Erik oder Meister Fips, ein Knusper-Knusper-Eichhörnchen, sorgen für das Tempo und die Aktionen, für das die Kinder spontan Beifall klatschen.

Die eindrucksvollen Puppen von Frank A. Engel sind in ein Bühnenbild eingefügt (Josef Schmidt), das mit einer enormen Fülle von Details und lustigen Ideen selbst Erwachsene mit Kinderaugen staunen lässt. Dramatisch wird es, wenn die Gold-Marie in den Brunnen stürzt, um die Garnspule zurückzuholen. Das ist eine Stelle in dem Märchen, die grausam und menschenverachtend ist. Sie so darzustellen, dass diese Dramatik bei Kindern ankommt, ohne Angst zu verbreiten, ist in dieser "Frau Holle" meisterhaft gelungen.

Und auch der nun mehr oder minder von Gier getriebene freiwillige Sprung der Pech-Marie wird, da nun der glimpfliche Ausgang des Geschehens bereits verinnerlicht ist, mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt. Die Pech-Marie klammert sich ängstlich an das Brunnendach, während der von ihr stets mit dem Suppentopf bedrohte Hahn Erik schadenfroh auf die Finger einhackt. Da jauchzt das kleine Publikum in süßer Rache.

So wie sie, die Gold-Marie, will jedes Kind sein. Nicht wegen des Goldes, sondern weil es ein fröhliches und hilfsbereites Mädchen ist, das Freunde und Freude hat, obwohl es schlecht behandelt wird. Es fürchtet sich vor dem Zorn der Stiefmutter, besitzt aber auch Witz und Schläue, den Attacken auszuweichen. Dazu kommt ein mitfühlendes und fürsorgliches Herz, sogar gegenüber ihrer Schwester, die wahrlich alles andere als geschwisterliche Liebe ausstrahlt. Das macht die Gold-Marie so anziehend, deshalb möchte man auch so sein wie sie, gut und gerecht.

Eine wichtige Rolle für die Gesamtwirkung spielt die Musik, die, mal klassisch, mal modern, hintergründig und doch prägend ein wichtiger Baustein dieser überaus gelungenen Märcheninszenierung ist.

Das muss sich bis zu der alten Dame in den Himmelsgefilden herumgesprochen haben, denn passend zur Premiere hatte sich sogar die Umgebung des Puppentheaters in ein frostiges Reifkleid gehüllt.