Magdeburg l Ein Poetry-Slam hat am Sonntagabend im Schauspielhaus stattgefunden: "Dead vs. Alive - Poetry Slam". Tote Dichter im Wettstreit mit lebenden. Schiller, Tucholsky und Kreisler gegen Wolf Hogekamp, Julian Heun und Lasse Samström.

Ein Poetry-Slam ist ein zeitgenössisches Update des Sängerkrieges auf der Wartburg, der um 1200 am Hof des Landgrafen Hermanns I. durchgeführt worden sein soll. Poetry Slam bildet die attraktive Form für U-35-Jährige, sich mit Dichtung zu vergnügen. Den Abend moderierten lässig und eloquent Ralph Martin (Magdeburger Schauspielhaus) als Partner für die toten Meister, und Tobias Glufke aus der Slammer-Szene als Partner für die lebenden. Glufke aus Halle outete sich gar als Fan der Stadt Magdeburg. Im Beiprogramm traten Fritz Streuner auf, eigentlich Michael Ruchter vom Magdeburger Ensemble, und Dominik Bartels.

Streuner bot herrlich komische Lieder zur Gitarre und Bartels Gedichte, in denen er wuchtig sozialkritische Themen gestaltete. Beide Künstler wurden vom Publikum gefeiert, wie überhaupt alle Künstler in einer Art bejubelt wurden, wie man es von der Wortkunst nicht so kennt, wenn man noch keinen Poetry Slam besucht hat. Im eigentlichen Wettstreit verblüffte, welche Faszination die toten Dichter ausüben, wenn sie in die richtige Veranstaltung geraten.

Sprache wird gründlich durcheinandergerüttelt

In die Gestalten von Schiller, Tucholsky und Kreisler schlüpften Raimund Widra, Peter Weiss und David Nádvornik aus dem Magdeburger Schauspielteam und duellierten sich mit Wolf Hogekamp, Julian Heun und Lasse Samström. Letztere drei alle verdienstvoll und mehrfach preisgekrönt in Leistungsmessen ihres Faches.

Wolf Hogekamp, der Älteste im Kreis, organisierte 1997 die ersten deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften und begründete damit die wichtigste Veranstaltungsreihe der Poetry-Slam-Bewegung des deutschen Sprachraums. Julian Heun und Lasse Samström zählen zu den Stars der Szene. Lasse Samström rüttelt die deutsche Sprache gründlich durcheinander und gilt als Verfechter der These: Lyriker soll man nicht lesen, sondern auf der Bühne erhören. Julian Heun setzt seine Sprachkraft ein, das Dasein öffentlich zu vermessen.

Die toten Dichter wirkten besonders dann, wenn sie völlig frei vorgetragen wurden, was man sich bei Peter Weiss (Tucholsky) auch gewünscht hätte. Der größeren Wirkung wegen. David Nádvornik überzeugte als Kreisler, und Raimund Widra als Schiller räumte sogar den nachträglich spontan eingeführten Einzelpreis ab. Widra schaffte ein Ereignis. Obwohl er die Schiller-Balladen "Die Bürgschaft" und "Der Taucher" mit reichlich Schnickschnack ironisierte, widerstand die Ernsthaftigkeit Schillers allen Anfechtungen. Und Moderator Martin hätte schon sagen können: Der Widra spielt den Ferdinand am Haus in "Kabale und Liebe" von Schiller. Es siegten die toten Dichter. Wunder! Aber so knapp, vielleicht ein Dezibel Applaus mehr, dass als Fazit gilt: Es gewann das Wort!