Kalbe (dpa) l Es gab nicht mehr viel Abwechslung in Kalbe. Das Städtchen in der Altmark leidet wie so viele andere unter Bevölkerungsschwund. Noch etwas über 7500 Einwohner hat die einstige Kreisstadt. Jedes Jahr werden es im Schnitt 45 weniger. Viel für ein Städtchen dieser Größe. Vor gut fünf Jahren begann Corinna Köbele, sich gegen den Abwärtstrend zu stemmen. Ihre Idee: aus der Not eine Tugend machen, Ruhe und Verlassenheit nutzen, Kalbe zum Begegnungsort für junge Künstler und Künstlerinnen machen. Damals gründete die Psychotherapeutin mit anderen Enthusiasten den Verein Künstlerstadt Kalbe.

Regelmäßig tauschen sich nun junge Künstler aus dem In- und Ausland bei Winter- und Sommertreffen aus, verwirklichen Projekte. 230 Künstler hatten bereits ein Stipendium für einen mehrwöchigen Aufenthalt in Kalbe. Workshops für Kinder und Jugendliche, für Senioren und Menschen mit Behinderungen bringen Leben nach Kalbe: Tanz, Literatur, Graffiti, Theater. Kalbe ist zum Anziehungspunkt geworden. Besucher kommen aus Berlin, aus Niedersachsen und von noch viel weiter her, um die Ergebnisse des künstlerischen Schaffens inmitten der Leere der Altmark zu bewundern.

Bürgermeister Karsten Ruth findet viele lobende Worte für das engagierte Projekt. "Frau Köbele engagiert sich über die Maßen persönlich", sagt er. "Die Künstlerstadt hat eine breite Palette von Angeboten für Bürger und Gäste geschaffen, was wir als Stadt sehr begrüßen."

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Karsten Ruth weiß natürlich, dass der frische Wind in der Stadt für viele gewöhnungsbedürftig ist. Die Kalbenser als echte Altmärker lassen sich nicht so leicht aus ihren Stuben locken. Als die bunten und teils schrillen Künstler in die beschauliche Kleinstadt einfielen, wurden einige regelrecht verschreckt. Doch in fünf Jahren haben sich viele mitreißen lassen. "Teile der Bürgerschaft wurden wieder aktiviert und haben eine neue Lebensaufgabe gefunden", beschreibt es Karsten Ruth. "Über den Kontakt mit den jungen Leuten wurden viele ältere wieder belebt. Allein durch die zahlreichen Events, die teilweise wirklich spektakulär sind, hat der ganze Ort etwas von der Künstlerstadt."

Inzwischen nutzt der Verein 13 Gebäude und Grundstücke für seine Aktivitäten. Die Kalbenser sind immer gern gesehen zu Lesungen, Ideenwerkstätten, Radwanderungen, Atelier-Rundgängen, offenen Bühnen oder Konzerten. Seit 2014 kann man in einer Galerie der 100 Brücken zeitgenössische junge Kunst erleben. Für Freizeitkünstler aus der Region organisiert Corinna Köbele mit ihrem Verein Ausstellungen. Mehrere Skulpturen wurden geschaffen und aufgestellt. Urban-Gardening Projekte oder neue Feste bringen die Menschen zueinander.

Gegen den demografischen Wandel

Stoppen kann Corinna Köbele den demografischen Wandel nicht. Ihm etwas entgegensetzen aber kann sie schon. Zuletzt kaufte der Verein das alte Gerichtsgebäude, das seit vielen Jahren leer steht. "Dort möchten wir ein Gründerlabor errichten", verrät Corinna Köbele. "Wir wollen jungen Menschen einen Ort anbieten, an dem sie Start-Ups gründen können, junge Unternehmen, die Impulse für die Stadt bringen."

Statistisch gesehen siedeln sich mit jedem Start-Up im Schnitt sieben Mitarbeiter an, rechnet Corinna Köbele vor. "Bei sechs Jungunternehmern, für die wir hier Platz haben, wären das immerhin 42 Menschen." Ideen für das alte Gerichtsgebäude gibt es viele. Was knapp ist, ist das Geld. "Wir brauchen noch eine Menge Förderer", sagt Corinna Köbele. "Das Dach ist nicht dicht, die Räume müssen hergerichtet werden." Vom Charme des Verfalls ist sie angetan. Andere, so weiß sie, versuchen Wände so zu gestalten, dass sie alt aussehen. "Wir haben das alles da."

Die Kunde von der Künstlerstadt drang bis ins politische Berlin. Als Neulandgewinner der Bosch-Stiftung war Corinna Köbele zum Empfang von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen. Steinmeier nennt Kalbe ein positives Beispiel dafür, was gemeinsames Engagement von Bürgerinnen und Bürgern bewirken kann.

"Ich hatte ihn vor einiger Zeit bei einem Empfang unseres Ministerpräsidenten kennen gelernt. Er konnte sich daran noch erinnern", erzählt sie. Die Begegnung im Schloss Bellevue sei beeindruckend gewesen, Frank-Walter Steinmeier jemand, der zuhören könne. "Ich habe ihn eingeladen", berichtet sie, noch hörbar beeindruckt von der Begegnung. "Mal sehen, ob er uns besucht."