Halle (dpa) l Die Studentinnen aus Japan gehen ehrfürchtig durch die Regalreihen. Die eine entwirft Schmuck, die andere ist Grafikerin. Sie nehmen Holz in die Hand, streicheln über einen Kleintierpelz und bleiben fasziniert am „Material des Monats“ hängen: Steinpapier. Aart van Bezooijen schaut ihnen zu. Er steht inmitten von rund 800 Materialmustern und lächelt breit. „Steinpapier ist 80 Prozent Kalkstein und 20 Prozent Kunststoff“, sagt er den Japanerinnen, die das feste Papier vorsichtig zwischen den Fingern reiben und immer wieder begeistert nicken. „Absolut umweltfreundlich und nachhaltig. Das ist wichtig.“

Im besten Fall wird die eine aus dem robusten Material auf nichtpflanzlicher Basis einen Schmuckanhänger herstellen und die andere es für ihre Grafiken benutzen. Das Material, sagt van Bezooijen, wird zu ihrer gemeinsamen Sprache. Und das, obwohl die eine als Designerin zweckorientiert arbeitet und die andere als Künstlerin eher frei. „Material bedeutet Austausch“, sagt er. „Und Transformation, denn jeder stellt andere, teilweise ungewöhnliche Wahrnehmungs- und Sinnzusammenhänge her.“ Da schaue der Künstler auf den Designer und umgekehrt, sagt der 40-Jährige.

Van Bezooijen bekleidet an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle eine der seltenen Professuren für Material- und Technologievermittlung. „Die Professur ist ein Experiment“, sagt er über seinen Job, den der gebürtige Niederländer seit 2012 in der Saalestadt ausübt. Er möchte auf dem Querschnittslehrgebiet zwischen Kunst und Design vermitteln und ein Brückenbauer sein.

Bilder

Werkstoffe aus fremden Ländern

Van Bezooijen ist ein Material-Experte und engagierter Netzwerker. Über seine Arbeit an der Burg sagt er: „Ich schwebe in der Organisation.“ Jeden Tag vollziehe er den Spagat zwischen Kunst, Design, Wissenschaft und Wirtschaft.

Im Juli 1976 kommt van Bezooijen in Klundert im Süden der Niederlande zur Welt. In Delft studiert er Industriedesign, 2002 macht er seinen Master. „Das war alles wirklich sehr technisch“, blickt er zurück. „Ich habe mit Ingenieuren, Elektrotechnikern und Mathematikern gearbeitet.“ Van Bezooijen vermisst damals die Kreativität, sagt aber mittlerweile, dass das Studium eine gute Basis für alles Nachfolgende war. In seiner Masterarbeit fokussiert er sich auf das Thema Materialauswahl. „Materialität kann in Projekten eine extrem wichtige Rolle spielen.“

2003 geht er nach Hamburg, wo er noch immer seinen Hauptwohnsitz hat. Er arbeitet freiberuflich, nimmt Lehraufträge an und gründet 2005 seine eigene Agentur. Er gibt ihr den Namen „Material Stories“, also Material-Geschichten.

Seltene Professuren

Bis heute erzählt er sie mit Hilfe seiner Partnerin Paula Raché, die eine Spezialistin auf dem Gebiet der Verpackungen ist. Die beiden reisen viel und sind dabei immer den Grund- und Werkstoffen in fremden Ländern auf der Spur. Darüber haben sie sogar ein Buch geschrieben. Es ist das zu Papier gebrachte Denken in Hölzern, Textilien und Keramiken – mit Blick auf nachhaltige Entwicklungen und Initiativen.

An der halleschen Kunsthochschule genießt van Bezooijen Freiheit. Gemeinsam mit Kathrin Grahl, einer ehemaligen Professorin für Bildnerische Grundlagen, erdenkt und entwickelt er die Materialsammlung, welche ein stetig wachsendes Arsenal an Proben, Mustern und Schaukästen für studentische Projekte ist. „Aber das ist kein Showroom“, sagt van Bezooijen. Es gehe um Klasse statt Masse und vor allem um Inspiration. „Wenn Studenten auf der Suche nach einem bestimmten Material sind, dann lohnt auch die Frage, ob man es nicht selbst herstellen kann.“ Ihm geht es nicht nur um stumpfe Theorie, sondern auch um spielerisches Erforschen.

Außergewöhnliche Professuren wie die des Niederländers sind an der Burg, wie die Hochschule kurz genannt wird, keine Seltenheit. „Wir haben bei etwa 1000 Studierenden gut 60 Professoren“, sagt Sprecherin Silke Janßen. Darunter seien auch sehr seltene Professuren für Schmuck, Spiel- und Lerndesign oder Buchkunst.