"Der Theatermacher" im Neuen Theater Halle Kunst und Niederungen der Wirklichkeit
Von Claudia Klupsch
Halle. Die Paraderolle ist ideal besetzt. In "Der Theatermacher" gibt Schauspieler Hilmar Eichhorn fabelhaft die Hauptfigur Bruscon. Das Stück vom Österreicher Thomas Bernhard feierte am Neuen Theater Halle Premiere. Auf der Bühne tobt und leidet, befiehlt und herrscht, klagt und verhöhnt ein despotischer Misanthrop. Die stimmige Inszenierung von Günther Beelitz amüsiert mit schwarzem Humor, lässt aber auch berührende Momente nicht aus.
Angewidert inspiziert der Theatermacher Bruscon die neue Spielstätte seiner Wandertruppe. Gelandet ist er in Utzbach, 280-Seelen-Nest, in der Kaschemme "Schwarzer Hirsch". Bühnenbildnerin Su- sann Cholet lässt den Staub der gammeligen Bude einatmen, das Mobilar ist teilweise umgestürzt und von Spinnweben eingehüllt. Von oben blickt das Hirschgeweih, Zeichen tiefster Provinzialität.
Welche Schmach, an diesem trostlosen Ort seine selbstverfasste Weltklasse-Komödie "Das Rad der Geschichte" aufführen zu müssen! Während der Saal hergerichtet wird, packt der "Staatsschauspieler" Bruscon Weltschmerz und Selbstverliebtheit, Tiraden und Pseudophilosophie in einen ununterbrochenen Redeschwall. Thema: Der große Künstler in einer kunstfeindlichen Welt.
Das Absurde sorgt für Heiterkeit
Hilmar Eichhorn gehört die Bühne. Wohlbeleibt, im Trenchcoat, den Spazierstock schwingend, die Bühnenbretter immer wieder abschreitend und den Klang seiner Stimme prüfend, zeigt er den Tyrannen und Theaterbesessenen. Eichhorn versteht es, wenn auch nicht immer in sprachlicher Brillanz, in seinem zweieinhalbstündigen (Quasi-) Monolog das Publikum in den Bann zu ziehen, Pointen haargenau zu setzen, das Böse und Lächerliche, aber auch das Gebrochene in der Figur zu zeigen.
Das Absurde bricht sich Bahn und sorgt für Heiterkeit. Der Größenwahnsinnige schwadroniert in den Niederungen der Wirklichkeit über die Höhen der Kunst, akustisch begleitet von Schweinegrunzen aus dem Stall nebenan.
Um den wortgewaltigen Protagonisten stehen einige "Randfiguren" in einem guten Spiel. Sie sind fast textlos, aber keineswegs unauffällig. Im Gegenteil. Joachim Unger als Wirt ist die einfache, pragmatische Seele, die im Gesicht das große Fragezeichen hat, mit wem sie es zu tun hat. Genie oder Spinner? Egal, der "Blutwursttag" ist eh wichtiger. Zurückgeworfener Kopf, die Hände in den Seiten, stoisch beobachtend – ein herrlicher Widerpart zum herrischen Bruscon.
Wie großartig Scheitern sein kann
Auch Bruscons Schauspielertruppe, bestehend aus Gattin, Sohn und Tochter, übt leise den Widerstand. Nonverbalen Protest gegen ständige Schikanen liefert Hannelore Schubert als Ehefrau. Seinen Ausbrüchen ("Du bist eine Schande für das Theater!") setzt sie trotzige Gestik und demonstratives Husten entgegen. Überaus witzig!
Tragisch, was Bruscon seinen "antitalentierten" Kindern antut. Es ist bedrückend mitanzusehen, wie er seine arme Tochter (großartig: Danne Hoffmann) quält, damit sie ihn den "größten Schauspieler der Welt" nennt. Wie bösartig kann Scheitern und Desillusionierung machen! Peter Weiß beeindruckt mit seiner Körpersprache als ungeschickter, eingeschüch- teter Sohn. Beide Kinder wagen in unbeobachteten Augenblicken den Protest mit frechen Grimassen.
Bernhards Tragikomödie lässt über die Selbstvernarrtheit der Kunst und ihr Streben nach Perfektion lachen. Sie nimmt Theater auf die Schippe und ist doch eine Liebeserklärung an das Theater.
Ironie des Premierenabends: Mittendrin streikt die Technik. Hilmar Eichhorn geht ganz kurz aus der einstudierten Rolle und lacht das herzhafte Lachen des Hilmar Eichhorn. Schön, nicht perfekt sein zu dürfen!