Volksstimme: Warum schreiben Sie als Amerikanerin eine DDR-Geschichte?
Isabel Fargo Cole: Man will ja nicht unbedingt über sich schreiben.

Aber über die vor bald 30 Jahren untergegangene DDR?
Schon als ich 1987 das erste Mal nach Ost-Berlin kam, war ich fasziniert von dieser Welt, die absurderweise hinter einer Mauer versteckt war. Nach der Maueröffnung bin ich häufig durch den Harz gewandert.

Es hat dann aber doch mehr als 25 Jahre gedauert, bis Sie Ihr Buch geschrieben haben.
Der Stoff dafür hat sich durch viele Gespräche mit Freunden aus Ostdeutschland und meine Wanderungen durch das ehemalige Grenzgebiet angesammelt. Außerdem habe ich mich schon als Kind für Märchen interessiert und dann fand ich im Harz den idealen Märchenwald.

Den mochten auch die Romantiker.
Während des Studiums habe ich Joseph von Eichendorff gelesen und immer gern Schubert-Lieder gehört. Diese Naturstimmung, das Mythische – das gefällt mir an der Romantik.

Schreiben Sie deutsch oder englisch?
Ich habe lange auf Englisch geschrieben. Aber ich habe mich für die Wendegeschichten interessiert und die lassen sich besser auf Deutsch erzählen. Seit 2004 schreibe ich vor allem auf Deutsch und mit der Hand.

Mit der Hand?
Ja, ich kann beim Schreiben mit der Hand besser denken. Erst wenn ich das Gefühl habe, ich kann es aushalten, den Text auf dem kalten Bildschirm zu sehen, tippe ich ihn ab.

Und wann schreiben Sie?
Am liebsten früh am Morgen - da bin ich noch halb im Traum. Nachmittags übersetze ich dann – das ist die rationalere Aufgabe.

Es kommt in Ihrem Roman nicht nur ein russischer Soldat vor, sondern auch viele russische Wörter. Haben Sie extra Russisch gelernt?
Nein, ich hatte schon in der Schule in Amerika Russisch als Unterrichtsfach.

Ich finde es sehr mutig, dass Sie sich als Amerikanerin an ein so viel diskutiertes und von vielen Schriftstellern mit DDR-Vergangenheit behandeltes Thema herangewagt haben. Haben Sie Vorbilder in der DDR-Literatur?
Ich könnte mich nicht bewusst nach jemandem richten. Aber die Sprache von Franz Fühmann und Wolfgang Hilbig hat mich durchaus beeinflusst. Sie haben mir diese DDR-Welt greifbar gemacht.

Sie mussten aber viel recherchieren.
Ich habe mich ganz lange nicht getraut, das Buch zu schreiben, weil ich wusste, dass ich viel recherchieren muss. Ich habe jetzt viele Ordner voller Material. Dazu gehört auch das, was ich im Magdeburger Landesarchiv in Partei- und Polizeiakten gelesen habe. Dort sind alle Fluchtversuche akribisch aufgeführt und statistisch ausgewertet. Da gab es wirklich viele Geschichten, die vor Ort aber niemand mitbekommen hat. Das Schwierigste war, die Lebensumstände im Sperrgebiet zu recherchieren. In Gesprächen mit Einwohnern habe ich erfahren, wie der Alltag in Sorge war.

Wird sich jemand wiedererkennen?
Nein! Es war mir ganz wichtig, dass ich keine der persönlichen Geschichten verwende. Ich wollte auch keine authentische Geschichte von Sorge schrei-ben, aber stimmen soll das Historische natürlich schon.

Alle Ihre Figuren sind gebrochene Gestalten. Alle sind von einer großen Traurigkeit erfüllt. Haben Sie die DDR-Geschichte als Geschichte großer Traurigkeit begriffen?
Figuren, die nur glücklich sind, sind langweilig. Spannungen sind doch das Interessante. Die DDR hatte, scheint mir, eine besondere Traurigkeit, denn die Propaganda verordnete Optimismus. Das hieß: strahlende Sonnen und glückliche Kinder – der Kontrast zwischen Anspruch und Realität stimmt traurig.

Sie beschreiben in erster Linie Menschen, die sich in der DDR einrichteten. Die, die gegangen sind, kommen nur als Leerstelle, als Name vor.
Meist wird der Freiheitsdrang der Leute, die weggegangen sind, thematisiert. Ich habe mich gefragt, wie war das eigentlich für die, die zurückgeblieben sind? Es blieb so eine große Melancholie, von der wollte ich schreiben.

Ihre Romanfamilie zieht in ein ehemaliges Gasthaus in Sorge. Gibt es dafür ein reales Vorbild?
Nein, aber es gibt die zwei Bäume davor.

Der „Bitterfelder Weg“, jene Parteidoktrin, die die Künstler in die Fabriken bringen wollte und gebracht hat, spielt bei Ihnen eine große Rolle.
In der DDR wurde der Arbeiter hochgehalten, heute ist es eher der Künstler, der Intellektuelle, während die Arbeit in die Dritte Welt ausgelagert wird. Die Debatten und Fragen aber sind geblieben: Soll sich das Schreiben mit dem arbeitenden Menschen beschäftigen? Wie realistisch soll man schreiben? Ist nichtrealistisches Schreiben Eskapismus?

Was schreiben Sie als Nächstes?
Ich möchte eine Webseite zum Roman machen, denn ich habe unglaublich viel Material, darunter viele Fotos. Vielleicht kann ich auch einige Zeitzeugengespräche dort präsentieren, wenn meine Gesprächspartner das erlauben.

Würden Sie sich freuen, wenn das Buch auch in Amerika erscheint?
Ich hoffe! Dann würde ich es gern selbst übersetzen und viele Dinge vermitteln und erklären.

Das würde dann ein anderes Buch werden?
Ich denke schon. Ich habe schon häufig Texte von mir hin- und herübersetzt und das wird immer anders.

Werden Sie in Elend und Sorge aus dem Roman lesen?
Das weiß ich noch nicht, aber es wäre sicher aufregend.