Magdeburg l Als sie 70 wurde, lag ein Manuskript auf dem Schreibtisch in ihrer Magdeburger Wohnung. „Fundevogel“ stand obenauf – ein Arbeitstitel, angelehnt an ein Märchen der Brüder Grimm. Es ging ums Altwerden und Alleinsein - ja, damit hat sie sich damals schon beschäftigt. Die Heldin des Buches, das letztlich als „Katzentage“ im Mitteldeutschen Verlag veröffentlicht wurde, zählte wie die Schriftstellerin 70 Jahre. Natürlich fanden sich autobiografische Züge darin. Es wäre sonst auch keine echte Hahnfeld’sche Arbeit. Die Magdeburgerin hat immer – mal mehr, mal weniger – Blicke in ihr Leben gewährt zwischen Freude, Glück, Ängsten, Schmerz und bitteren Erfahrungen.

Fünf Jahre später, die Autorin wurde 75, hatte sie Tagebuchaufzeichnungen dreier Jahrzehnte veröffentlicht. Sie hatte dafür gesichtet und aussortiert, abgewogen und zusammengesucht. „Dämmergärten“ ist sehr persönlich. Ein poetischer, sensibler, literarisch verdichteter Lebensblick.

Liebe zur Literatur

Wenn man sie jetzt besucht, noch einmal fünf Jahre später, ist da selbstverständlich immer noch der wohlgeordnete Schreibtisch. Dort sitzt sie und gibt ihrem Tagebuch kund, was sie bewegt. Alles komme hinein, sagt sie. „Alles, was mich bewegt.“ Begegnungen mit Menschen, gesundheitliche Sorgen. Zu Schönem gesellt sich Verstörendes. Wenn sie in die Welt schaue, so sagt sie, tue ihr vieles weh.

Alleinsein in Worpswede

Was wehtut, das hat sie immer schon ehrlich, ohne Wehleidigkeit aufgeschrieben. Wie die DDR mit der Schriftstellerin umging, das Werben der Staatssicherheit. Natürlich Worpswede, für dessen Künstlerhaus sie noch zu DDR-Zeiten – welch Freude – ein Stipendium erhalten hatte und an ihrem Roman „Villa Ruben“ arbeitete. Der Fischer Verlag im Westen hatte da schon ihre Literatur verlegt. Doch das neunmonatige Leben auf der anderen Seite der Mauer tat ihr nicht nur gut. Worpswede kommt in ihren Tagebuchaufzeichnungen nicht gut weg. Zu viel Alleinsein gab es dort.

Die Zeit fliegt dahin beim Erzählen. „Villa Ruben“, Worpswede, Fischer Verlag, Literaturbetrieb heute, Magdeburg, seit 1978 ihre Heimat. „Einen Preis habe ich nie bekommen“, sagt sie. Oh ja, verärgert ist sie darüber. Sie fühlte sich in all den vergangenen Jahren vergessen. Eine Einladung der Stadt zum Geburtstagskaffee hat sie deshalb abgelehnt.

Sonett 13

Dann lehnt sie sich zurück in ihrem Sitz und liest ihr Sonett 13 vor. Man hört ihrer Stimme gern zu und der kunstvollen Form. Das Wörtchen Sterblichkeit findet sich schon 1991. Ingrid Hahnfeld liest sanft. Sie kann beseelen – und vorlesen, das beherrscht sie als einstige Theaterschauspielerin. Gelernt ist gelernt, sagt sie lächelnd und fügt dann hinzu, dass dieses Sonett so passend sei. Sie meint wohl ihr Lebensalter.

Ingrid Hahnfeld wird am Dienstag 80. Man will es nicht glauben. „Die Strecke, die vor mir liegt, ist überschaubar“, sagt sie.

Beeinflusst von Maxim Gorki

Schon als Schülerin hatte sie Gefallen gefunden am Schreiben, am sehr bewussten Notieren von Wörtern. Der russische Schriftsteller Maxim Gorki hat sie am stärksten beeinflusst. Auch ihre Deutschlehrerin, später dann ihre Lektorin. Die Liebe zur Literatur wurde stärker und stärker. Den Theaterbühnen sagte sie nach elf Jahren ade.

Was macht das Schreiben? „Ich führe Tagebuch.“ Das ist - neben ihrem Lebenspartner - Wegbegleiter. Diese Form des Festhaltens, so sagt Ingrid Hahnfeld, hat sie schon immer gefangengenommen. Seit 1956, das war ihre Studienzeit, hat sie auch mit Unterbrechungen notiert, was sie berührt. Ihre Texte sind intensiv.

Ihre neuen Tagebücher – wird es die in Buchform geben? Man spürt, sie würde das schon wollen, aber da ist das Handschriftliche, nur Stift auf Papier, kein Computer, kein Internet, keine Mail. „Kein Verlag macht das mit“, weiß sie.

Wer Hahnfeld’sche Texte kennt, denkt nur: Jammerschade.