Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie im Rahmen des IMPULS-Festivals 2012 Mit Erzengel Luzifer auf musikalischer Reise
Teuflisch gut war es, das Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie. Kein Wunder, ihm stand ein wahrlich diabolisches Motto voran: "Und wenn die Welt voll Teufel wär".
Magdeburg l Das Teufelsmotto zog sich durch das zweiwöchige Festivalprogramm, in dessen Rahmen der Konzertabend im Magdeburger Opernhaus eingebettet war - dem IMPULS-Festival 2012, inzwischen das 5. Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt. Festival-Intendant Hans Rotman dirigierte persönlich.
Mottogebend erklang zu Beginn Siegfried Wagners Orchesterscherzo "Und wenn die Welt voll Teufel wär", das er 1922 komponierte, in Nachkriegszeit und inflationärer Situation Deutschlands, die auch die Wagners in Bayreuth bedrückend betraf. Sogar die Bayreuther Festspieltradition schien gefährdet - Siegfried Wagners Lebenswerk.
Und so machte er sich in seinem Orchesterscherzo über die Leute lustig, die ihm das Leben sehr wahrscheinlich schwer gemacht hatten. Die spöttischen Holzbläser wurden alsbald von den Streichern und Blechbläsern (tolle Hörner!) harmonisiert und "platt" gemacht. Rotman dirigierte die Magdeburgische Philharmonie sehr schwingend. Ein typischer Siegfried Wagner, spätromantisch behaftet und zeitlebens im Schatten des revolutionären Vaters Richard Wagner stehend.
Mit Julian Steckel kam schließlich ein Ausnahmetalent, ein wahrer Shootingstar der Cello-Szene und frischer Echo-Klassik-Preisträger von 2012 in den Konzertsaal. Er präsentierte sich mit Berthold Goldschmidts wirkungsvollem Cello Concerto, op. 23. Dieses zur "gemäßigten Moderne" zählende Werk von 1953 rechtfertigt aufgrund seiner Spritzigkeit Goldschmidts späte Anerkennung, nachdem er vor dem ihn bedrohenden Nationalsozialismus nach England fliehen musste. Die in den Achtzigern beginnende neue Rezeption Goldschmidts zu beleben, spielte die Magdeburgische Philharmonie das Cello-Konzert bereits 1994 erstmalig auf CD ein (Solist: David Geringas, Leitung: Mathias Husmann).
In diesem Sinfoniekonzert entstand ein Goldschmidt, den der erst 30-jährige Solist Julian Steckel so brillant versiert, sowohl zupackend als auch mit einer empfindsamen Doppelbödigkeit, erklingen ließ. Welch Wandlungsfähigkeit im Ton, welch technische Beherrschtheit! In dem metrisch exakten Rahmen von Rotman und der sensiblen Magdeburgischen Philharmonie bewegte sich Steckel mit Eleganz und Bewusstheit. Keine Frage, die grifftechnischen und harmonischen Kapriolen auf dem Cello wirkten, hatten Klangfülle, ob exzentrisch oder melancholisch. Diese emotionale Gestaltungskraft bestätigte Steckel ebenso mit seiner Zugabe (einem Marsch für Kinder von Prokofjew), die sich das bravoschmetternde Publikum einforderte.
Dirigent stellt Motive fantasievoll vor
Ein bildhafter musikalischer Sündenfall sollte die Suite aus dem Ballett "Lucifer" des französischen Komponisten Guillaume Connesson (geb. 1970) im zweiten Konzertteil werden. In deutscher Erstaufführung und bei Anwesenheit des Komponisten im Opernhaus Magdeburg wurden die Konzertbesucher auf die faszinierende Reise des Erzengels "Lucifer" mitgenommen. Die sieben Sätze verfolgten Lucifers Weg von seiner "Krönung", der Begegnung mit den Menschen und seiner Liebe zu einer Frau, bis zum "Prozess" vor dem himmlischen Gericht, seinem "Sturz" und seiner neuen Existenz im "Anderswo" - letztlich zum Teufel gemacht.
Hans Rotman hat sich rührig um die Vorstellungskraft des Publikums bemüht und stellte ihm die verschiedenartigen Motive und dessen Verfremdungen mit Musikbeispielen der Musiker vor. Ja, selbst der Stratosphärensprung von Felix Baumgartner war ein Gleichnis.
Die raffinierten Klangvorstellungen des Komponisten mündeten in einer aufwändigen Instrumentation. Mehr als 30 Schlaginstrumente mit Xylofonen und Metallofonen verschiedener Arten sowie kleinen Handpercussion-Instrumenten gehörten zum Equipment, Klavier, Harfe, Orgel, und ein voll besetztes Orchester. Und so lebte das Stück von packenden und dynamischen Raffinessen, Gershwin-ähnlichen Rhythmen, flirrenden Flageolettönen, Naturtönen, Schleiftönen, vom Komponisten in einer beeindruckenden Dramaturgie gesetzt. Fünf Schlagwerker hasteten von einem Instrument zum anderen, ständige Taktwechsel motivierten förmlich das Orchester zur Gestaltung ekstatischer Tänze, musischer Irrlichter oder großer Melodiebögen.
Hans Rotman und die Magdeburgische Philharmonie begeisterten damit die Konzertbesucher auf eine IMPULS-gebende Art, einschließlich des anwesenden Komponisten.