Magdeburg l Radio-Moderator Peter Urban (70) ist die „Stimme“ des Eurovision Song Contest. Er kommentiert den ESC.

Auf der ESC-Skala von 1 bis 12 – wie hoch ist das Vorstartfieber bei einem so alten Hasen wie Ihnen so kurz vor dem Finale am Sonnabend?

Peter Urban: Hmmm, gute Frage – ich würde sagen, bei 6. Aber das hat nichts mit der Aufregung zu tun, sondern mit der Zeitknappheit im Vorfeld und dem damit verbundenen Stress. Das Anstrengende für mich ist das Vorbereiten der Sendungen, die im Kasten sein müssen und während meiner Abwesenheit in Lissabon im Radio laufen. Ansonsten bin ich entspannt. Wie jedes Jahr zieht der ESC mich in seinen Bann und ich freue mich einfach nur auf das, was kommt.

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Der Hamburger sagt ja „Wat mutt, dat mutt“ – also bringen wir es am besten gleich hinter uns: Welche Chancen hat Michael Schulte mit seinem Song „You Let Me Walk Alone“?

Ich finde das Lied persönlich sehr schön. Der Song wird ehrlich, überzeugend und glaubwürdig rübergebracht – im Stil eines Ed Sheeran. Und der ist bekanntlich sehr populär. Ohne orakeln zu wollen, der deutsche Beitrag wird besser abschneiden, als es zuletzt der Fall war.

Mit Verlaub, da lagen Sie mit Ihren optimistischen Prognosen voll daneben, Deutschland blamierte sich und landete abgeschlagen hinten oder hielt gar die rote Laterne.

Stimmt, ich lag dreimal falsch. Aber ich bin kein Wahrsager. Der ESC ist eben unberechenbar. Man weiß vorher nie, was passiert, welcher Beitrag ankommt, welcher nicht. Und oft weiß man nicht einmal, warum.

Komisch ist nur, dass Ihr Sachverstand als Musik-Experte beim Tipp auf den Sieger und die vorderen Plätze zum Tragen kam. Oftmals lagen Sie goldrichtig. Kann es sein, dass Sie die deutschen Beiträge einfach nur schöngeredet haben?

Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber ich werde ja nicht für das richtige Vorhersagen der Ergebnisse, sondern für das Kommentieren bezahlt. Und logischerweise bin ich als deutscher Kommentator optimistisch und dem eigenen Beitrag gegenüber loyal. Welcher Trainer würde sich denn vor einem Fußballspiel hinstellen und über seine Mannschaft sagen: Wir haben nicht das Zeug zum Sieg und verlieren sowieso. Und letztes Jahr zum Beispiel habe ich wirklich gedacht, wir landen im Mittelfeld. Und ja, damit lag ich falsch. Aber dieses Jahr fühle ich wirklich anders, es wird gut.
Infografik: So schnitt Deutschland bisher beim ESC ab | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Was muss denn ein guter ESC-Song haben, was macht ihn zur Nummer 1?

Der Song muss ans Herz gehen, Atmosphäre schaffen und Gefühle hervorrufen. Er muss bewegen und etwas auslösen bei den Menschen - und das eben sofort und bei allen in allen Ländern Europas gleichermaßen. Ganz unterschiedlich ist indes, was diese Reaktionen hervorruft: Mal sind es Melodie oder der Rhythmus, mal der kurze Refrain oder Art und Weise des Vortrags durch den Interpreten.

Kennen Sie bereits alle diesjährigen Beiträge?

Ja, ich habe Sie mir schon vor ein paar Wochen auf Youtube angehört und jetzt kurz vorher noch einmal.

Und, wer sind Ihre Favoriten?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Einen klaren Favoriten sehe ich nicht. Der israelische Beitrag hat was. Aber auch Tschechien oder Frankreich gehen aussichtsreich ins Rennen. Aber man muss abwarten, wie sich das Ganze letztlich auf der Bühne darstellt. Das ist nochmal eine ganz andere Sache.

Die Kritik am ESC wurde nach dem Blamagen hierzulande immer lauter: Antiquiert, zu teuer, langweilig, langatmig, musikalisch unbedeutend, unfair. Sind die Deutschen nur schlechte Verlierer und die Meckerei überzogen oder halten Sie die Kritik für angebracht?

Nein, ich halte sie für unsachlich. Der ESC ist nach wie vor ein weltweites Ereignis, ein Spektakel. Klar gehen die Einschaltquoten mal hoch und mal runter, aber das Interesse ist nach der Modernisierung Ende der 1990er Jahre generell gestiegen. Im Vorjahr haben mehr als 180 Millionen Menschen weltweit die drei Live-Shows angesehen, in Deutschland waren im Finale in der Spitze 9,3 Millionen Zuschauer dabei. Ich denke, wir Deutschen sollten das Ganze mal nicht so ernst nehmen. Der ESC ist eine Unterhaltungs-Show und keine Fußball-WM. Wir waren die letzten drei Jahre einfach nicht gut genug und sollten uns vielmehr fragen, warum unsere Beiträge nicht die Qualität hatten, um vorne zu landen.

Die Verantwortlichen bei der ARD haben das getan und einen „radikalen Neuanfang“ beim Vorentscheid angekündigt. Letztlich entschieden erstmals ein 100-köpfiges „Europa-Panel“, eine internationale Jury aus 20 Musikexperten, darunter mehrere ESC-Gewinner, sowie die Fernsehzuschauer über den deutschen Beitrag für Lissabon. Ist Ihnen das radikal genug?

Ja, ich halte den Weg, der mit dem neuen Voting eingeschlagen wurde, für den richtigen. Aber entscheidend ist eben auch immer, welche Songs überhaupt zur Auswahl stehen. Michael Schulte hat am Ende mit seiner Ballade bei allen den richtigen Nerv getroffen und bekam dreimal die maximalen 12 Punkte. Das eindeutige Votum spricht für den Song, aber auch für das neue Prozedere. Deshalb bin ich auch guter Hoffnung, was das Abschneiden in Lissabon betrifft. Michael hat es wirklich verdient. Er ist ein engagierter Musiker, der alle seine Songs selbst schreibt. Man glaubt ihm das, was er singt, und der Song über seinen Vater ist gefühlvoll und sehr persönlich.

Apropos persönlich, lassen Sie mich das an dieser Stelle auch ein wenig werden: Ist es für Sie ein Problem, nur der Mann für eine Woche im Jahr zu sein?

(lacht) Nein, überhaupt nicht. Auch dass man mich beim ESC, der von vielen Millionen gesehen wird, nur hört, stört mich nicht. Schließlich bin ich von Hause aus kein Fernseh-, sondern ein Radio-Mann. Und da bin ich noch immer jede Woche präsent.

Ihre jeweiligen Kommentare beim ESC wirken spontan – in- wieweit sind sie das wirklich?

Sie sind es insofern, als dass ich mir die Dinge aufschreibe, die mir spontan durch den Kopf gehen, während ich vor Ort den Beitrag und die dazugehörigen Postcards das erste Mal sehe. Insgesamt habe ich nur 40 Sekunden je Song Zeit – 30 vorher, zehn im Anschluss – das alles muss gut vorbereitet werden. Ich wäge also nach der Probe ab, was passt, was lasse ich weg und time alles genau. Am Ende lese ich vom Skript ab, das geht bei einer Fernseh-Liveübertragung nicht anders. Beim Abstimmungsteil rede ich aber frei, da muss ich ja auf die jeweilige Situation und die Bilder reagieren.

Nicht jeder findet Ihre Bemerkungen treffend und witzig. Im Vorjahr ernteten Sie sogar einen Shitstorm. Lesen Sie die Kommentare im Netz?

Nein, aber ich habe davon gehört.

Wie gehen Sie mit der Kritik um?

Die sachliche nehme ich schon ernst. Aber das Netz öffnet eben auch Leuten Tür und Tor, die anonym ihrem persönlichen Frust freien Lauf lassen und unter die Gürtellinie gehen. Davon darf man sich aber nicht verunsichern lassen. Insgesamt täte uns allen mehr Toleranz und Lockerheit gut. Und recht machen kann man es eh nicht allen. Dem einem bin ich zu frech, würde ich mich zurücknehmen, heißt es, ich bin zu langweilig.

Sie sind mit dem ESC gealtert, der aber nicht mit Ihnen. Er wird gefühlt immer jünger, bunter, flippiger, hipper. Fühlen Sie sich mit 70 nicht langsam zu alt für das Geschäft?

Na hören Sie mal! Dann kennen Sie meine Radio-Sendungen nicht. Das sind keine fürs Altersheim. Da läuft ständig die aktuellste, junge Musik. Und damit kenne mich besser aus viele, die 30 Jahre jünger sind oder nur einmal im Jahr den ESC schauen. Ich sehe jedenfalls keine Ermüdungserscheinungen bei mir. Der ESC übt auf mich heute noch den gleichen Reiz aus wie vor 20 Jahren. Und körperlich fühle ich mich trotz acht Hüft-OPs fitter als vor zehn Jahren. Heißt, zwei, drei Jahre würde ich den Job schon gerne noch machen wollen – wenn man mich lässt.

Kommen wir zum Abschluss nochmals auf Michael Schulte zu sprechen. Nachdem Sie alle 43 Titel des ESC kennen, wie viele Punkte würde Sie ihm im Vergleich zur Konkurrenz geben – ganz neutral und ohne durch die deutsche Brille gesehen?

Hmmm, ich würde in ESC-Manier sagen: Germany, ten Points (Deutschland, 10 Punkte) ...