Michael Alexander Willens lässt die Lukaspassion von 1728 bei den Magdeburger Telemann-Festtagen erklingen Nachhaltige Aufführung mit holzschnittartiger Struktur
Magdeburg l Von Barockmeister Georg Philipp Telemann stammen nicht ein oder zwei, sondern gleich elf Versionen der Lukaspassion. Das lag daran, dass der Meister als Musikdirektor für fünf der Hamburgischen Hauptkirchen komponierte und die Lukaspassion im Wechsel mit der Matthäus-, der Johannes- und der Markuspassion in regelmäßigen Abständen von vier Jahren immer wieder ins Blickfeld rückte. Von 1724 bis 1764, drei Jahre vor seinem Tod. Telemann wollte sich im Aufführungsreigen nicht wiederholen - wobei er in seinen 46 Kirchenpassionen stilistisch den Weg von Barock bis Frühklassik zurücklegte.
Zu 50 Jahren Telemann-Festtage erklang am Sonnabend in der Magdeburger Konzerthalle, die seinen Namen trägt, die Lukaspassion von 1728 für Soli, Chor, Orchester und Basso continuo unter Leitung von Michael Alexander Willens. Das Programmheft erinnerte an die erste Wiederentdeckung. Das war 1965 zu den 2. Telemann-Tagen unter Leitung des legendären Landeskirchenmusikdirektors Gerhard Bremsteller im Dom, gespielt mit modernem Instrumentarium.
2012 nun war die Kölner Akademie auf historischen Ins-trumenten mit wundervoll weichem, transparentem Klang zu erleben. Neun Streicher schufen die Grundlage; Traversflöte, Oboe, Fagott und Orgel tuschten die Telemannschen Klangbilder vielfarbig aus. Die Akademie swingte unter Willens\' Dirigat. Qualitätsvoll auch das Sängerensemble - die Tenöre Wolfgang Klose und Marcus Ullmann, die Bässe Thilo Dahlmann, Christian Hilz und Raimonds Spogis. Die Damen - Stefanie Brijoux, Ann Garlid, Melissa Hegney und Beate Westerkamp - ergänzten zu einprägsamen Turba-Chören. "Turba" ist lateinisch der "Volkshaufen". Hier stellten sie Hohepriester, Philister oder Kriegsknechte in dramatischen Volksszenen vor - von wuchtiger Einstimmigkeit bis zur kunstvollen Fuge. Diese Chorminiaturen machten wesentlich den Reiz der Aufführung aus. Sie wisperten, lachten, spotteten, riefen im Staccato "Kreuziget ihn!"
Telemann und sein Librettist Matthäus Arnold Wilkens gaben dem Werk klare Kontur. Den fünf "Abteilungen" der Leidensgeschichte des Jesus von Nazareth nach den Kapiteln 22 und 23 des Lukasevangeliums und einem resümierenden Choral stellten sie fünf "Vorbereitungen" zur Seite. Das sind Assoziationen aus dem Alten Testament: wie der Verrat der Brüder Josephs und der Verkauf des Lieblingsbruders. Der Spott der Philister für den in der Gefangenschaft sterbenden Simson. Oder die Geschichte von Jonas, der Rettung aus dem Bauch des Walfischs erfährt. Diese Gedankenausflüge wirken wie musikalische Comics für die leichtere Fassbarkeit des harten Geschehens um Jesus\' Sterben. In den "gläubigen Anwendungen" wird mit Rezitativen und Arien das jeweilige Kapitel kommentierend zusammengefasst.
Willens schuf eine nachhaltig wirksame Aufführung mit holzschnittartiger Struktur. Einerseits das Leiden Christi, andererseits die Überwindung des Todes - das ist die große inhaltliche und fröhliche musikalische Botschaft der Lukaspassion von 1728.
Ein Magdeburger Buchhändler stellte vor dem Konzert die gut 60 lieferbaren Telemann-CDs vor. Auch von dieser Aufführung ist ein Mitschnitt von "Classic Production Osnabrück" zu erwarten.