Magdeburg l „Es ist neun Uhr.“ Mit dieser Feststellung beginnt die Handlung im portierengeschmückten Wohnzimmer Don Pasquales; am Ende fallen die Zeiger von der Uhr, und Raum gibt allein der weite Himmel. Dazwischen schnurrt eine belcantistische Opera buffa ab, die sich ständig selbst überholt. Die Ouvertüre hat sich Zeit gelassen, aber dann: kein Eingangschor, keine Auftrittsarien, die Handlung läuft gewissermaßen schon, wenn die Zuschauer hinzugebeten sind.

Dottore Malatesta soll für Pasquale ein handzahmes Bräutlein finden, und zwar bis heute neun Uhr. Er meldet Vollzug und schlägt seine Schwester Sofronia vor, bislang im Kloster erzogen, fromm, naiv und bescheiden. Pasquale ist begeistert und bestellt schon mal den Notar.

Die unerwartete Heiratslust des angejahrten Hagestolzes hängt mit seinem Mitbewohner zusammen, der plötzlich aus dem Kinderzimmer im Untergeschoss auftaucht. Der etwas schläfrige Gothic-Punk Ernesto ist sein Neffe und will seinerseits nicht heiraten, jedenfalls nicht die vom Onkel vorgeschlagene wohlhabende Dame. Er steht auf Norina; Witwe, arm und etwas crazy. Enterbung und eigene Hochzeit zwecks Nachwuchszeugung soll Pasquales Strafe für Ernesto sein.

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Eine Perle von Duett

Doch es kommt anders. Die tugendsame Sofronia entpuppt sich als Hausteufel. Sie hält sich einen jungen Gesellschafter, verdreifacht die Dienerschaft, kauft teure Klamotten, Schmuck, Autos (natürlich Kutschen und Pferde) und Pasquale zahlt. Es kommt zu Streit und Eklat, Pasquale kriegt eine Ohrfeige. Er will sie nun nur noch loswerden. Als ein entdecktes Liebesbriefchen seine Gattin zu einem heimlichen Stelldichein bittet, muss er sie nur noch gemeinsam mit Dottore Malatesta in flagranti ertappen. Die Verabredung dazu ist ein Spaß für sich, eine Perle von Duett im rasenden Parlando-Stil.

Und wieder eine überraschende Wendung. Sofronia ist Norina, Ernesto kriegt Geld und Braut, Don Pasquale wird alles los und verschenkt den Rest. Weg mit dem Toupet, dem Haus, dem Krückstock, weg mit den Geldscheinen und der sorgsam gehüteten Bauchtasche. Der blaue Himmel tut sich auf, Pasquale wandert ihm frohgemut entgegen. In seine Finca auf Mallorca, zu unbekannten Horizonten, ins Nirwana …?

Christian Poewe hat die angejahrte Komödie offen enden lassen, nachdem er sie witzig durch die Zeitmaschine geschüttelt hat. Das Genre der Opera buffa mit den Typen des geizigen Alten, dem jungen Paar und listigem Diener war längst überholt, als „Don Pasquale“ 1843 uraufgeführt wurde. Verdis „Nabucco“ und Wagners „Rienzi“ entstanden um die Zeit.

Perfekte Hüftschwünge

In den wunderbaren Kostümen Lena Brexendorffs korrespondiert das Strickwestenrentnerbeige mit dem Punkerschwarz der Jugend, Elvis‘ Silberanzug trifft auf goldkettchengeschmücktes Macho-Dekolleté. Sogar zwei Orchestersolisten tauchten grünhaarig auf.

Die Körpersprache passt; der Zweimetermann Paul Sketris, der Notar, bietet perfekte Hüftschwünge auf seinen goldenen Plateauschuhen, Ernesto schleppt sich seinem sentimentalen Abschiedsgesang entgegen, der kniesteife Pasquale weiß sich zu helfen, und Norina macht sowohl in Gothic wie in großer Garderobe Bella Figura. Der leicht schleimige Malatesta, lindgrün anzusehen, wirft mit kleinen lustigen Pillen um sich. Keine Figur wird preisgegeben, jeder Zuschauer kann lachen, über wen er will.

Christian Poewe hat in Christiane Herchers leicht surrealistischer Szenerie für reichlich Bewegung gesorgt, und das schöne daran ist, sie fügt sich wunderbar zum Gesang. Leichthändig erfundene, charmante Melodien sind Gaetano Donizettis Spezialität und sie werden gesungen, dass es eine Freude ist.

Stephanos Tsirakoglou in der Titelrolle und Gocha Abuladze als Malatesta lassen hören, wie präzis beweglich und temperamentvoll heiter tiefe Stimmen singen können. Jonathan Winell hingegen hat als Ernesto vor allem lyrischen Tenorschmelz zu verströmen und kämpfte auch tapfer und erfolgreich um die Spitzentöne. Julie Martin du Theil, Norina, überzeugt das Publikum glitzernd und funkelnd von ihrem eigensinnigen Kopf und ihrem superguten Herzen.

Svetoslav Borisov sorgte mit der Magdeburgischen Philharmonie für die nötige Delikatesse aus dem Orchestergraben. Zuverlässig, im richtigen Tempo und mit entspannter Leichtigkeit wurde musiziert. Wer mit der Oper an sich noch ein bisschen fremdelt, findet mit diesem witzigen „Don Pasquale“ genau die richtige Einstiegsdroge.