Volksstimme: Können Sie das Wort „Disco“ noch hören?
Ilja Richter: Ja, absolut. Das einzige, was mich stört, ist nicht, dass man sich über Vergangenes unterhält, sondern, wenn sie einen solchen Raum einnimmt, dass ich mir benutzt vorkomme. Weil ich für andere nur als Folie für Sentimentalitäten diene. Wenn sich Geschichtsbeschreibung nur auf eine Unterhaltungsshow beschränkt. Also wenn man mir Fragen über die 1970er Jahre stellt, und das Jahrzehnt so dargestellt wird, als ob es nur aus Unterhaltungssendungen bestanden hätte. Solche Sätze wie: War es nicht eine schöne Zeit? Das war noch Musik. Das waren Schlager. Alles Sätze, die ich zum Kotzen finde. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde „Disco“ und die 1970er nicht prinzipiell doof. Es ist ja ein Stück meines Lebens.

Für die Ü-50-Generation in der DDR sind Sie aber immer noch der „Mr. Disco“.
Die Erinnerung der ehemaligen DDR-Bürger an die „Disco“ bewerte ich etwas anders. Weil sie aufgrund der Verhältnisse eine Schlüssellochperspektive nach draußen war, die Sehnsucht nach dem Westen und nach der Pop-Kultur ausdrückt. Aber es gibt auch da Punkte, bei denen ich ungehalten reagiere. Und wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich schon mal denjenigen, der mir zu triefend erzählt, wie schön es in der DDR war, sarkastisch fragen: Was wollen Sie? Wollen Sie alles wieder rückgängig machen? Und es reduzieren auf 45 Minuten Disco?

Wie kommt man nach – pardon – „Disco“ auf Karl May?
Die Spur führt in den Osten. Für Matthias Thalheim, der die Feature- und Hörspielabteilung vom MDR leitet, habe ich 32 Folgen von Karl Mays Humoresken „Der alte Dessauer“ im Radio gesprochen. Ich hätte die Texte zuvor niemals Karl May zugeordnet. Eher dem frühen Fontane. Das war der Ausgangspunkt, mich tiefer mit Karl May zu beschäftigen. Sein Lebensweg mit 6000 Arbeiten, seine Kleinkriminellenkarriere und der späte Ruhm durch seine Abenteuergeschichten haben mich gefesselt. Also: Die Idee, einen Abend über Karl May zu machen, gesprochener May als Erstes, zweitens das Lesen über den Autor entstand nachdem ich Karl May näher kennengelernt hatte.

Bilder

Sie sind also Karl-May-Fan?
Nein, ich bin keine Karl-May-Leseratte. Ich war es auch nie. Und ich werde es auch nicht. Denn die Zeit, die ich habe, gebe ich nicht dafür her, mich damit zu beschäftigen. Da fallen mir ganz andere Stoffe ein. Das soll aber keine Abqualifizierung sein. Sonst würde ich in meinem Programm nicht erwähnen, dass der deutsche Philosoph Ernst Bloch seine Studenten mit der Aussage irritiert hat, Karl May sei einer der besten deutschen Erzähler und vielleicht der beste geworden, wäre er nicht ein armer, verwirrter Proletarier gewesen. In dem Satz steckt alles drin, warum ich mich für Karl May interessiere. Ich bin fasziniert von seiner Verwirrtheit und von seinem Selbstbetrug.

Videos

Seinem Selbstbetrug?
Richtig. Denn bevor er die anderen belog mit erfundenen Verletzungen und vermeintlich geschenkten Gewehren seiner Romanhelden, belog er sich selbst. Ich verteidige Karl May aber sofort, wenn es heißt: Und alles, was er geschrieben hat, war ja erfunden. Eine falsche Interpretation des Schriftstellerberufs. Ein Schriftsteller stellt ja nicht den Spuren von Tatsachen und Fakten nach, sondern er ist ein Spurensucher seiner Fantasie. Karl May hat extrem viele Fakten zusammengetragen aus einer Unmenge von Nachschlagewerken und Reisebeschreibungen und kunstvoll daraus seine Geschichten geschrieben. Obwohl er niemals an den Schauplätzen war. Die Bemerkung: Er hat das ja alles erfunden, er war ja nie da, ist sinnlos. Ich halte es mit dem Satz: Es kommt nicht darauf an, dass eine Geschichte wahr ist, sondern, dass sie stimmt.

Warum soll der Besucher Ihres Programms „Winnetou vergessen!“?
Ich bin ein leidenschaftlicher Überschriften- und Titelerfinder. Selbst Hallervorden hat sich bei mir gemeldet, wenn er einen Titel für sein Kabarettprogramm brauchte oder für seine Biografie „Ein Komiker macht ernst“. Der Programmtitel „Vergesst Winnetou!“ ist gut, weil er sehr einprägsam ist und den sinnlosen, aber humorvollen Versuch unternimmt, beim Namen Karl May zu verlangen, Winnetou zu vergessen. Was schlicht unmöglich ist. Es ist eine Hommage an Karl May, aber keine auf seine Romanhelden.

Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher, Autor, Bühnenregisseur – was sind Sie eigentlich?
Ich würde fast alle Begriffe streichen. Ich bin kein Sänger, aber ich singe. Ich bin kein Regisseur von Berufs wegen, aber ich habe ab und zu mal Regie geführt, und ich tue es immer wieder in eigenen Programmen. Ich bin kein Synchronsprecher, ich bin nur sehr erfolgreich in einigen Disneyproduktionen. Ich habe mit meiner Stimme eine unsichtbare Karriere gemacht. Kinder kennen meine Stimme, aber meinen Namen nicht. Das macht mich nicht zum Synchronsprecher, denn ein Synchronsprecher lebt davon. Tatsächlich bin ich Schauspieler. Und der muss auch singen können. Und wenn ich dabei mal tanze, macht mich das noch lange nicht zum Tänzer. Ich bin kein Schriftsteller – aber Autor schon.

Ihre Zukunftspläne?
Ich mache meinen ersten Liederabend, Titel „Lieblingslieder“. Uraufführung ist am 26. September 2020 im Berliner Schillertheater. Natürlich mit einigen Hits aus den 70ern, aber überwiegend anderem. Denn 70 werde ich in drei Jahren selber. Es wird ein Kontrastprogramm. Von vertontem Tucholsky bis zu Hollywood-Film-Songs. Zu meinen Lieblingsliedern gehören ganz persönliche Geschichten, die ich preisgebe. Mit diesem Programm werde ich dann auch auf Gastspielreise gehe.

Tickets für die „Ilja Richter – Vergesst Winnetou!“ Veranstaltung am 3. November im Magdeburger Opernhaus gibt es unter www.biberticket.de oder der Ticket-Hotline 0391/5999700.