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Opulenter Bildband zu Charlie Chaplin

Melone, Bambusstock, ausgebeulte Hosen und übergroße Schuhe: Noch heute erkennen viele Menschen sofort den Tramp, Charlie Chaplins bekannteste Filmfigur. Ein gewaltiger Bildband präsentiert nun Unmengen geschickt verwobener Details zum Aufstieg des Superstars.

Von Annett Stein, dpa 29.09.2015, 12:23

Berlin (dpa) - Große Fans werden an diesem großen Buch große Freude haben: Das Charlie Chaplin Archiv bietet Hunderte Fotos und unzählige Zitate - und wiegt mehr als sechs Kilo.

Beschrieben wird Chaplins Entwicklung von ersten Theaterauftritten als Kind zum Weltstar und einem der einflussreichsten Komiker der Filmgeschichte. Zu fast jedem Schritt, jedem neuen Projekt, jedem neuen Filmteam werden Aufnahmen gezeigt - den privaten Charlie Chaplin (1889-1977) hingegen zeigt das Buch nur am Rande.

Zu erklären, wie Chaplin seine Filme schuf, sei gar nicht so einfach, weil dieser stets große Anstrengungen unternommen habe, seine Arbeitsweise zu verbergen, schreibt Herausgeber Paul Duncan im Vorwort des Bandes. Seine Lieblings-Gags und -Szenen habe er nicht fotografieren lassen, Reportern meist keinen Zutritt zu seinen Sets gewährt.

Entstanden ist ein Buch, das für eine sehr lange Weile Material zum Stöbern bereithält, eine faszinierende Sammlung von Fotos, Notizen, Storyboards, Interviewausschnitten und Zitaten von Weggefährten, Geliebten, Konkurrenten, Filmbossen. Detailliert wird beschrieben, an welchen Orten und mit welchen Mitarbeitern wie viele Stunden Filmmaterial gedreht wurden, um Klassiker wie Der Vagabund und das Kind (1921), Goldrausch (1925), Moderne Zeiten (1936) oder die Hitler-Parodie Der große Diktator (1940) zu schaffen.

Der Leser lernt Chaplin als Sohn einer psychisch instabilen Mutter und eines meist abwesenden Vaters in Großbritannien kennen, begleitet ihn zu seinen ersten, nicht immer erfolgreichen Theaterauftritten - und schließlich zu seinem Einstand in den USA. Aus dem Branchenblatt Variety vom 8. Oktober 2010 wird zitiert: Chaplin ist typisch englisch, die Art Komiker, die das amerikanische Publikum zu mögen scheint... Chaplin wird zu Amerika passen. Nicht nur zu Amerika: Vom Theater ins Filmfach wechselnd, wurde er rasch zum Weltstar, wurde schwer reich - aber niemals faul.

Er sei froh, das Medium Film für sich entdeckt zu haben, weil es genau seines sei, sagte Chaplin selbst. Wegbegleiter zeichnen das Bild eines absoluten Perfektionisten, der weder ein einfacher Chef noch ein einfacher Mensch war. Der beim Dreh oft bar jeglicher Gefühle wirkte und nur den Erfolg des Films im Kopf zu haben schien. Der Szenen allzu oft wieder und wieder drehen ließ und seinen Darstellern noch als 80-Jähriger vormachte, wie sie sich zu bewegen haben.

Ein beachtliches Talent, aber ein Ungeheuer von einem Menschen, wird der Schauspieler Marlon Brando zitiert, der zu denjenigen zählte, die sich besonders schwer taten mit dem Großmeister des Humors. Extremer Geiz wird Chaplin an anderer Stelle nachgesagt, Eifersucht und Kontrollzwang. Nicht jede Frau erlebte ihr Zusammensein mit ihm als glückliche Zeit - wie etwa Lita Grey, die als 16-Jährige schwanger wurde und die Chaplin daraufhin nur unter großem Druck heiratete.

Das Buch erklärt, welches Vorbild Chaplins wohl bekannteste Figur, der Tramp, hatte - und wie eifrig er in Los Angeles 1915 nach einer ähnlichen Ausstattung suchte. Schon ein Jahr darauf ist von ihm zu hören: Wenngleich ich wusste, dass ich berühmt geworden war, hatte ich keine Ahnung, was Ruhm eigentlich bedeutete. Menschenmassen drängten an den Zug, in dem er reiste, öffentliche Tumulte begleiteten seine Besuche in Städten.

Gründlich räumte Chaplin in Zitaten immer wieder mit der Vorstellung auf, dass das Filmen von Komödien eine lustige Angelegenheit sei. Komödie ist eine so deprimierende Arbeit. In einem Lustspielstudio herrscht stets eine gedrücktere Stimmung als anderswo, heißt es an einer Stelle. Spaß zu machen, ist ein ernstes Geschäft, an einer anderen. Ein erfolgreicher Komiker müsse zunächst Psychologe sein - und dieses so wichtige Einschätzungsvermögen habe ihn seine Mutter gelehrt.

Mein Hauptziel ist weder die Auslegung noch die Verspottung des Lebens, sondern die Unterhaltung, wird er zu seinen Motiven zitiert. Filme seien seine Obsession geworden. Arbeit ist ein ausgezeichneter Zufluchtsort - vor allem für die Flucht vor sich selbst. Immer wieder wird deutlich, dass Chaplin zwar ein großes Talent, vor allem aber ein perfektionistischer, geradezu besessener Arbeiter war, der mühevoll zusammengetragenes Material lieber verwarf, wenn es seinen Ansprüchen nicht zu hundert Prozent genügte.

Auch wenn Das Charlie Chaplin Archiv ganz dem filmischen Werden und Schaffen des Ausnahmekünstlers gewidmet ist, hat man am Ende doch das Gefühl, dem Menschen Charlie Chaplin ebenfalls ein Stück nähergekommen zu sein. Dazu tragen die vielen Zitate von Weggefährten bei und die Tatsache, dass auch kritische Aspekte nicht ausgeklammert werden. Ein Manko beim Lesen des Begleitheftes auf Deutsch ist allerdings dessen winzige Schrift.

Das Charlie Chaplin Archiv, Herausgeber: Paul Duncan, Taschen Verlag, Köln, 560 Seiten, 150 Euro, ISBN 978-3-8365-3840-4

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