Magdeburg l Charles Gounod hat mit seiner „Romeo und Julia“-Oper ein Meisterwerk geschaffen, das zu Unrecht etwas im Schatten seiner „Faust“-Vertonung steht. Letzteres Werk wird nicht zu Unrecht auch „Margarethe“ genannt. Gretchen, Julia – wie kaum ein anderer fand Gounod in seiner Melodik und Orchesterfärbung den „weiblichen“ Ton.

Seine Heldinnen sind weder große Heroinen wie Leonore in Beethovens „Fidelio“ noch Männerfantasien gleich welcher Art. Sie sind sympathisch, authentisch und den Fausts und Romeos psychologisch gleichrangige Charaktere.

Überkonzipiert und „coronahaft“

Genau das hat Karen Stone herausgearbeitet. Bei aller geradezu symbiotischen Liebe sind Julia und Romeo je eigenständige und differenziert geformte Charaktere. Er ist hin- und hergerissen zwischen vernünftiger Einsicht und ziemlich handgreiflichem Temperament, sie ist selbstbewusst, anfangs durchaus keck und etwas kokett, trägt später aber ihr liebendes Herz gegen jede Konvention naiv und freimütig auf der Zunge.

Mit Arthur Espiritu und Raffaela Lintl stehen zwei Sängerdarsteller auf der Bühne, die diese Sicht auf die Figuren nahezu ideal verkörpern. Man glaubt ihnen im Äußeren, in Körpersprache und Gestus ihre unausgeglichene Sprunghaftigkeit und damit Jugendlichkeit des Liebespaares. Leider dürfen sie in Stones Inszenierung einander nicht berühren, solange sie leben, was etwas überkonzipiert und „coronahaft“ wirkt.

Gefährliche Romeo-Gang

Der Musik steht dieses peinliche Abstandhalten vollends entgegen. In nicht weniger als vier Liebesduetten badet das Paar in Terzen und Sexten und schönsten Melodien, fein im Social Distancing. Den sehr französischen Klang, gemischt aus Virtuosität, jubelndem Glanz und zartem Lyrismus beherrschen beide. Es gibt gekonnte Spitzentöne, die hören lassen, dass Singen Arbeit ist, es gibt butterweiches Piano, die dies vergessen machen will.

Karen Stone hat wieder einmal gezeigt, dass sie ein Händchen für Sänger mit ausnehmend schönen Stimmen hat. Das gilt auch für die kleineren Rollen. Besondere Überraschungen bot die Romeo-Gang, eine Truppe übrigens, der man keinesfalls nachts allein auf der Straße begegnen sollte. Karina Repova erntete für die Turteltauben-Canzonette des Stéphano hochverdienten Beifall, ebenso Johannes Wollrab als Mercutio für sein Lied von der Königin Mab.

Überraschung mit Fechtszenen

Die von Akt zu Akt düsterer und enger werdenden Räume baute Ulrich Schulz mit – vor allem aus Licht. Durchstrahlte Glaswände formen den Ballsaal, grüne Leuchtstäbe ergeben die Balkonszene, der Hochzeits-Kirchenraum besteht nur aus leuchtenden Säulen und Pfeilern. Die Schaulust wird ordentlich bedient.

Für das Überraschungspaket des Abends sorgte jedoch das Multitalent Johannes Wollrab. Er choreografierte zahlreiche atemberaubend sportive Fechtszenen. Bis zum letzten Akt fliegen die Degen. Aber schon beim Vorspiel wird gefochten und besonders der fugierte Mittelteil dieser Ouvertüre mischt sich sehr spannungsvoll mit dem Degengeklirr.

Auf lange Sicht behauptet sich dann doch das Orchester. Svetoslav Borisov bewies einen enormen Klangsinn, ließ die kleine Orchesterbesetzung in allen Farben ordentlich leuchten. Der dezent im Hintergrund gehaltene Chor mischte sich sehr fein ins klangliche Gewebe.

Borisov hielt durchweg die Spannung, gab dem stark liebeslyriklastigen Abend so die nötige musikalische Dynamik. Es war ein Musik- und Stimmenfest; ordentlich beklatscht.