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Promi-Geburtstag vom 6. April 2016: Hans W. Geißendörfer

Mit 75 könnte man sich eigentlich guten Gewissens zurücklehnen und nichts tun. Doch Hans W. Geißendörfer ist ständig unterwegs und beschäftigt wie eh und je. Das Filmemachen lässt ihn nicht los. Auch privat denkt sich der Vater der Lindenstraße gerne Geschichten aus.

Von Petra Albers, dpa 05.04.2016, 23:01

Köln (dpa) - Wie er da sitzt auf dem Sofa hinter den Kulissen der Lindenstraße, wirkt er so entspannt, als habe er alle Zeit der Welt: Filzpantoffeln, blaues Schaltuch und natürlich die obligatorische schwarze Strickmütze.

Doch wenn Hans W. Geißendörfer erzählt, wird schnell klar: Er ist rastlos und voller Tatendrang. Das Nichtstun liegt ihm nicht. Dass er am Mittwoch 75 Jahre alt wird, bedeutet für den Regisseur vor allem eins: Die Zeit wird kürzer, um all die Dinge zu tun, die ich noch tun will.

Erst kürzlich war er in Barcelona, wo die jüngste seiner drei Töchter an einem Marathon teilgenommen hat. Zusammen mit seiner Frau will er bald zum dritten Mal in den Oman reisen - die Wüste fasziniert uns. Er pendelt zwischen seinen drei Wohnsitzen in Griechenland, Köln und England, wo das Ehepaar sich einen alten Pub am Kanal zum Wohnhaus umgebaut hat. Darum hat sich hauptsächlich seine Frau gekümmert, mit der er seit 1978 verheiratet ist. Und wo fühlt der Weltenbummler sich Zuhause? Geißendörfer zuckt die Schultern: Zuhause ist für mich überall, wo die Familie ist oder die Arbeit.

Seine Arbeit, das Filmemachen, ist zugleich seine größte Leidenschaft und lässt ihn somit auch mit 75 nicht los. Der gebürtige Augsburger plant gerade einen neuen Fernsehfilm, ein Kinofilm ist in Vorbereitung und er kann sich auch vorstellen, einen zweiten Tatort zu machen.

Und dann natürlich seine Lindenstraße. Auch nach mehr als 30 Jahren ist die ARD-Serie seiner Ansicht nach nicht auserzählt. Früher hatte ich mal eine Zeit, da dachte ich, es gibt keine Themen mehr, es ist alles schon einmal vorgekommen. Aber dann habe ich kapiert, dass die Wiederholung der Alltag ist, den die 'Lindenstraße' ja zeigen will. Deshalb kann man immer wieder Geschichten erzählen, die an der Oberfläche neu sind, aber dasselbe Grundthema haben. Denn es gebe unzählige Varianten derselben Themen, sei es Liebe, Krankheit oder Tod.

Tabubrüche wie der erste Schwulen-Kuss, mit dem die Lindenstraße einst für Aufruhr gesorgt hatte, seien angesichts der vielen Reality-Formate heute zwar kaum noch möglich. Geblieben ist aber die Mission, aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse zu thematisieren und dadurch vielleicht auch zu provozieren. Wir haben zurzeit eine politische Landschaft, in der die 'Lindenstraße' als Unterhaltungssendung gefragt ist, kritisch Stellung zu beziehen, betont Geißendörfer. Wenn es also zum Beispiel auf Dauer eine starke rechtslastige Gegenbewegung im Parteiengefüge gibt, werden wir daraus einen Handlungsstrang machen und zeigen, wo das hinführen kann.

Was die Inhalte in der Lindenstraße anbelangt, ist Geißendörfers Meinung weiterhin tonangebend - auch, wenn seine Tochter Hana Anfang vergangenen Jahres als Produzentin miteingestiegen ist und der Meister selbst nur noch selten bei den Dreharbeiten auftaucht. Aber letzten Endes trägt die Serie nach wie vor seine Handschrift, sagt Joachim Hermann Luger, der den Hans Beimer spielt. Er ist die graue Eminenz im Hintergrund.

WDR-Intendant Tom Buhrow schätzt Geißendörfer als einen Mann mit Kante, streitlustig, visionär, leidenschaftlich. Mit der Lindenstraße habe er längst Fernsehgeschichte geschrieben. Ob die Kultserie über 2016 hinaus verlängert wird, ist nach Angaben einer WDR-Sprecherin allerdings noch nicht entschieden.

Der Fernsehmensch Geißendörfer sieht selbst kaum fern, allenfalls Nachrichten oder Fußball. Es ist ganz selten, dass ich mal irgendwo hängenbleibe, sagt er. Vielleicht ist instinktiv eine Abwehr da, dass man sich nicht beeinflussen lassen will, wenn man selber Fernsehen macht.

Stattdessen denkt er sich auch privat lieber selbst Geschichten aus, zum Beispiel für seinen Enkel. Kinder ins Bett bringen und ihnen frei erfundene Geschichten erzählen, das ist toll. Die sind natürlich alle mit Cliffhanger und Fortsetzung - wie bei der 'Lindenstraße'.

Lindenstraße