Rainald Goetz bekommt Georg-Büchner-Preis Provokateur wird zum Klassiker
Romancier, Dramatiker, Blogger: Rainald Goetz beschreibt unsere moderne
Gesellschaft. Jetzt hat der studierte Arzt und Historiker den
Büchner-Preis erhalten. Der Berufsprovokateur von einst wird zum
Klassiker.
Darmstadt (dpa) l Eine schrille Performance hat Rainald Goetz einst schlagartig bekanntgemacht: 1983 ritzt er sich beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit einer Rasierklinge die Stirn auf, um sein literarisches Manifest "Subito" effektvoller zu gestalten. Die Provokation des Mediziners und Historikers, der damals noch keine 30 ist, hat das Bild des Autors bis heute geprägt. Noch immer gilt Goetz, inzwischen 61 Jahre alt, als das "Enfant terrible" der deutschen Literatur.
Ein Image, an dem der Schriftsteller mitgefeilt hat. Goetz hat in seinen literarischen Werken kein Hehl aus seiner Verachtung für den hektischen Medien- und Kulturbetrieb gemacht. Dieser wiederum hat den öffentlichkeitsscheuen Moralisten trotzdem gefeiert - oder auch verrissen. Ein Buch oder Theaterstück von Goetz, auch wenn nur gerüchteweise darüber geraunt wird, ist ein großes Ereignis.
Seinen furiosen Debütroman hat Goetz, der gleich zweimal promoviert ist und zuerst für Magazine geschrieben hat, kurz nach dem Klagenfurter Spektakel vorgelegt. "Irre" handelt vom ernüchternden Leben eines Assistenzarztes in der deutschen Psychiatrie. Goetz arbeitete selbst nach dem Studium in einer Münchner Nervenklinik.
Goetz, in München geboren und aufgewachsen, gibt aber bald seinen Arztberuf auf und widmet sich fortan mit der ihm eigenen Intensität der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Beim Beschreiben der Mechanismen unserer Gesellschaft gibt er sich kreativ. Er tut es in Romanen, Erzählungen, in Text-Bild-Collagen oder Theaterdramen. Auf die Bühnen bringt er große Trilogien über das Thema Revolution und Krieg sowie die Verarbeitung der deutschen Geschichte.
Als Buch erscheint 1988 die RAF-Geschichte "Kontrolliert", in den 1990er Jahren taucht Goetz in die Berliner Clubszene ab. "Rave", ein rauschhafter Drogen-Sex-Trip, gilt als erster Techno-Roman. 1998 ist Goetz als einer der ersten Blogger mit einem Internet-Tagebuch ("Abfall für alle") seiner Zeit wieder voraus.
Es ist dann einige Jahre eher ruhig um Goetz. 2012 liefert er mit "Johann Holtrop" seinen langerwarteten neuen Roman ab. In der Beschreibung vom Aufstieg und Fall eines zynischen Medienmanagers, bei dem sich Parallelen zum früheren Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff aufdrängen, sehen einige eine gelungene Abrechnung mit den neoliberalen Verirrungen eines aus dem Gleis geratenen Wirtschaftssystems. Andere kritisieren die holzschnittartigen Figuren im bitterbösen Buch. Beim Deutschen Buchpreis schafft es der Roman nur auf die Longlist.
So leidenschaftlich aufmüpfig sich Goetz gibt, er ist immer auch Teil der etabliert-intellektuellen "Suhrkamp-Kultur" gewesen. Im Wirtschaftskrieg um seinen Hausverlag, der in den vergangenen Jahren in aller Öffentlichkeit mit harten Bandagen ausgetragen wurde, hat Goetz seiner Verlegerin stets den Rücken gestärkt.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat jetzt Goetz - "den Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur" - mit dem Büchner-Preis literarisch geadelt. Eigentlich folgerichtig und keine große Überraschung. Mit Georg Büchner (1813 - 1837) verbindet Goetz einiges: Nicht nur die Liebe zur Literatur, sondern auch zum Theater und zur Provokation. Und Büchner war Mediziner. Zum Thema Revolution, das Büchner ("Friede den Hütten! Krieg den Palästen!") in seinem kurzen Leben besonders beschäftigte, dürfte dem Historiker Goetz bei der Entgegennahme des Preises am 31. Oktober in Darmstadt sicherlich ebenfalls etwas einfallen.