"Die Räuber" von Friedrich Schiller am Nordharzer Städtebundtheater Punkrock-Räuber leben ihre Aggression als Vergnügen aus
Am vergangenen Samstag hatten Schillers "Räuber" in Quedlinburg Premiere. Die zweite Vorstellung am Dienstag war ganz den Schülern der Klassen 8 bis 12 aus dem Gymnasium Blankenburg vorbehalten. Die Jugendlichen verfolgten mit großem Interesse und Anteilnahme das historische Drama.
Von Liane Bornholdt
Quedlinburg. Karl und Franz Moor, gespielt von Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig, haben bisher noch jede junge Generation bewegt. Die jüngste "Räuber"-Inszenierung von Paul Burian am Nordharzer Städtebundtheater zeigt auch wieder zwei junge Männer der Gegenwart.
Sie könnten freilich gegensätzlicher kaum sein. Nachdem man erst Amalia (Susanne Rösch) vor dem Schloss der Familie Moor sehen konnte, die sich hier heroischen und romantischen Träumen nach ihrem Karl hingibt, beginnt das Stück mit der zweiten Szene. Zuerst nämlich wird die Welt Karl Moors gezeigt. Er findet sich in einer Jugendtruppe, die, angeführt von Moritz Spiegelberg (Robin Weinem), verquere Parolen skandieren, die auf die "totale Party" hinauslaufen.
Auf dem Prospektbild erscheint eine Fabrikhalle und harte Techno-Beats erklingen. Alkohol und Drogen sind im Spiel. Ihr Gelaber von Freiheit führt dazu, dass die Jugendlichen Karl Moor zum Anführer erwählen, da dieser diese Tonart am besten beherrscht und außerdem auf einen Scheck des Vaters hofft. Erst danach erscheint Franz.
Er kommt aus dem Zuschauerraum, mit Glatze und in einem Anzug, der nach einem miesen Bürojob aussieht (Kostüme und Ausstattung: Susanne Bachmann), um noch einmal sich dem Vater anzudienen. Dieser als Patriarch im Büro weist ihn wie immer zurück und gibt nun den Anlass, dass Franz seine Rachepläne verwirklicht. Per E-Mail ist bald der böse Brief verfasst und versandt.
Handlungen werden greifbar
Die verschiedenen Schauplätze entstehen durch Prospektbilder, die per Videobeamer projiziert werden, so dass die Gleichzeitigkeiten der verschiedenen Handlungen sehr greifbar werden. In die wilde Partyatmosphäre kommt Franzens intriganter, dem Vater diktierter Brief, der Karl die Hoffnung auf Gutbürgerlichkeit endgültig raubt. Da alle Menschlichkeit dahin zu sein scheint, ergibt er sich seinen Kumpanen. Die Gruppe ist aggressiv und ziellos, sie bedient sich alter 68er Parolen und überzieht einfach alles mit ätzend-sarkastischer Ironie. Ihre Flucht in die "Böhmischen Wälder" kommt wie ein trotziges Abenteuer vor.
Die Inszenierung setzt auf schnelle Wechsel, und man erkennt hier die Parallelwelten nicht nur im Spiel, sondern auch musikalisch und bildlich. Harter Punkrock begleitet die Räuber, die bald schon nicht nur mehr ausgeflippte Jugendliche auf der Suche nach Spaß sein werden, sondern gewalttätige Kriminelle. Erstaunlich, wie genau Schillers Text mit dem leider ganz zeitgemäßen Habitus dieser Truppe zusammenpasst. Karl Moors gelegentliche moralisierende Einwände werden verspottet, Aggression und Gewalttätigkeit sind wirkliche Vergnügungen.
Ein anderer, dann vielleicht doch höherer, Sinn der Auflehnung ist schon sehr bald verflogen. Was Freiheit bedeutet wird bedeutungslos. Die andere Welt verändert sich aber auch sehr bald. Aus dem gepflegten Schloss sind auf den Prospektbildern seelenlose Bürotürme entstanden, die Franz beherrschen will. Der alte Moor wird in absoluter Starrköpfigkeit gezeigt. Martin Richter spielt ihn leise, klagend und so, als ginge die Zeit an dem alten Patriarchen vorbei. Kein Argument dringt zu ihm durch, und Franz hat allen Raum, seinen Zynismus auszuleben.
Blind gegen den verkleideten Karl
Aber er ist und bleibt auch schwach, muss sich von Amalia zurückweisen lassen, die sich als einzige den Luxus erlaubt, ihre Ideale noch zu pflegen. Das freilich macht sie auch blind gegenüber dem verkleideten Karl, und es macht sie untauglich für die Realität. Die Katastrophe ist unausweichlich.
Die jugendlichen Zuschauer in der Schülervorstellung verfolgten die Wege der zweifelhaften Helden in diese Katastrophe mit wachsender Spannung und reagierten betroffen, vor allem von der Gewalt, die hier in ihren so ganz verschiedenen Formen drastisch gezeigt wurde.
Eine interessante, sehenswerte Inszenierung.