Magdeburg l Intendanten kommen und gehen und mit ihnen ein Teil der Mannschaft. Wechsel gehören vielerorts zum Theaterleben. Da sticht es heraus, wenn jemand drei Jahrzehnte ein Haus leitet. Michael Kempchen gehört damit zu den dienstältesten Intendanten. Hat er sich das vorstellen können, als er damals anfing, mit 31? Das „Nein“ kommt wie aus der Pistole geschossen.

1990, im aufregenden Jahr zwischen Wende und Einheit, war der gebürtige Stendaler schon fünf Jahre am Haus. Elke Schneider, die jahrelang das Haus prägende Grande Dame, hatte ihn angeworben, den Mann, der, wie er heute sagt, Puppenspiel vor allem von der Augsburger Puppenkiste kannte. Kempchen wurde Verwaltungsleiter. Er war schließlich als studierter Ökonom ein Herr der Zahlen. Das ist er bis heute als Theaterchef auch geblieben. Aber er weiß längst, dass Puppenspiel so viel mehr ist als Augsburger Puppenkiste und „Der kleine Muck“ mit Stabpuppen. Es war seine erste zu verantwortende Inszenierung.

Haus stand auf der Kippe

Jetzt, 30 Jahre später, erinnert er sich gern an die Anfänge, an das Team, dem er als damals jüngster Intendant vorstand. Er spricht vom großen Respekt, den er vor der Aufgabe hatte. Es war eine Zeit, in der den Puppentheatern in den DDR-Bezirksstädten kaum Überlebenschancen eingeräumt wurden. Auch in Magdeburg stand das Haus auf der Kippe. Heute nennt Kempchen dieses Infragestellen und den damit einhergehenden fehlenden Respekt vor der Leistung des Ensembles eines der einschneidendsten Erlebnisse in seiner langen Dienstzeit.

Kempchen lehnt sich ein klein wenig zurück in seinem Bürostuhl. Vor ihm liegen Aktenordner. Er ist in all den Jahren ein Mann der Zahlen, der Projekte, der Gelder, der Förderanträge, der Verhandlungen, der Lobbyarbeit geblieben. Geld war und ist Chefsache, auch der Ausbau des Hauses zu einem wichtigen Kulturbetrieb mit drei Spielstätten, der Villa P. als Figurenspielzentrum, dem Internationalen Figurentheaterfestival „Blickwechsel“, der Jugendkunstschule. Das Künstlerische hat er anderen überlassen, zuallererst Frank Bernhardt.

Von Rezensionsärger und dem schönsten Erfolg

Wo soll man anfangen, wenn es um 30 Jahre Intendanz und damit gleichsam um die Frage geht nach der Entwicklung des Puppentheaters Magdeburg einerseits und der Branche andererseits? Wenn man Kempchen darauf anspricht, wird es ein langes, intensives Gespräch, denn wie die Welt steht auch die Branche und mit ihr das Spiel mit den Puppen alles andere als still.

„Wir müssen uns ständig neu erfinden“, sagt der 61-Jährige, der weiß, dass das mit dem schauspielernden, singenden, musizierenden Ensemble gut machbar ist. Man versteht den Satz um so mehr, wenn man Gast des alle zwei Jahre stattfindenden Figurentheaterfestivals ist, bei dem der Besucher immer wieder staunen kann über das Spiel mit Masken, Schatten, Objekten, all diesen vielfältigen Facetten, die modernes Theater liefern kann. Die einst bestimmende russische Spielweise der Stabpuppen scheint Lichtjahre entfernt.

Zeitgenössisches Kindertheater steht seit jeher obenan, auch wenn das Haus in den vergangenen Jahren verstärkt auf Erwachseneninszenierungen setzt. Der Anteil liegt bei 40 Prozent. 10 Prozent waren es vor 30 Jahren. Trotzdem, so unterstreicht der Chef, ist das Haus ein Kindertheater und wird es bleiben. Kempchen kann lange über dessen Rolle sinnieren. Dann sagt er: „Wir wollen den Jüngsten Kraft, Mut, Wissen und Verständnis auf dem Weg ins Leben mitgeben.“ Um die 55  000 kleine und große Gäste begrüßt das fast 40 Mitarbeiter zählende Theater Jahr für Jahr. Es hat als einziges Puppentheater in kommunaler Hand überlebt.

Kempchens Vertrag läuft im nächsten Jahr aus. Lange hat er mit einer Verlängerung gerungen. Sein Kompromiss: Zwei Jahre. Bis Sommer 2023. Die Stadt stimmte zu.

Kempchen sieht glücklich darüber aus, weil er natürlich noch plant. Der internationale Austausch soll intensiviert werden. Nicht nur zum Figurentheaterfestival, das im Juni stattfindet, auch davor und danach. Und nach Jahren des Wunsches soll das Kutscherhaus auf dem Gelände mit Probebühne ausgestattet werden. Und die Figurenspielsammlung braucht ein digitales Ankommen im Heute. Die Herausforderungen würden nicht kleiner werden, sagt er.

Aber was sind zwei weitere Jahre gegen 30? Eingebrannt hat sich bei Kempchen seine Verärgerung über eine Rezension Anfang der 90er Jahre in der Volksstimme. „Macbeth“ wurde da besprochen. Ein Stück ohne Stabpuppe, sondern erstmals das Wagnis Maskentheater. „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ stand in der Überschrift. Heute wird das Haus für seine innovative und ästhetische Handschrift ausgezeichnet – erst vor einem Jahr mit dem Theaterpreis des Bundes. Kempchen nennt den Preis den bisher schönsten Erfolg.