Magdeburg l Ein großer, alter, dicker Kater sitzt im Plüschsessel auf der Bühne – neben ihm ein Zeitschriftenständer mit so schönen Titeln wie „Mein Hund“ und „Fisch & Fang“. Als alle Zuschauer sitzen, beginnt er, die Geschichte seines Ur- ururgroßvaters zu erzählen, der kein Geringerer als der trickreiche gestiefelte Kater war. Kaum hat die Technik den Großvatersessel beiseite geschoben, öffnen sich die Bühnenwände, und es beginnt ein bunt-poetisch-rasantes Bühnenspektakel, bei dem nicht nur den Kleinen der Mund offen steht.

Julia Plickat hat eine regal-ähnliche Bühne gebaut, in der sich mehrere kleine Guckkastenbühnen öffnen können, die so fast filmische Schnitte zulassen. Dazu gibt es eine beeindruckende Bühnenmalerei, die durch Schwarzlichteffekte eine fantastisch farbige Gegenwelt entstehen lässt. Das vierköpfige Ensemble mit Claudia Luise Bose, Anna Wiesemeier, Richard Baborka und Lennart Morgenstern nimmt die Zuschauer mit auf eine fantasievolle Traumreise.

Regisseurin Roscha A. Säidow erzählt das klassische Märchen sehr frei und lässt dadurch viel Raum für berührende Szenen und personifizierte Emotionen. Müllerssohn Peter trauert sehr um seinen verstorbenen Vater, ihm tropfen die Tränen sichtbar aus den Augen und verwandeln das Bett in ein Schiff auf einem Meer von Tränen. Die Trauer selbst hockt als raupenartiges Gummiwesen an seiner Seite und muss erst vom plüschigen Kater, dem einzigen Erbstück des alten Müllers, verscheucht werden.

Ein Kater, der Sprüche klopft

Der allerdings hat es in sich: Köstlich schnurrend und Sprüche klopfend wird er, von komplett schwarz gekleideten Spielern geführt, zum Liebling der Kinder, spätestens, wenn er statt der klassischen roten Stiefel goldene Schuhe mit angesagten Blinksohlen anzieht und in einer mit Spannung verfolgten Szene erst den aufrechten Gang und dann das Laufen übt. Höhepunkt hier zudem der von Richard Baborka gespielte Schuhhändler, der in einem grotesken Kostüm mit fünf am Körper schlenkernden Beinen tanzend und singend seine Ware anpreist.

Szenenwechsel: Der König, eine große wollknäuelartige Handpuppe, entpuppt sich als gestresster Büroarbeiter, der ebenso freudlos funktioniert wie seine Tochter, die sogar an ihrem Geburtstag pausenlos für die Schule lernen muss. Spätestens hier wird klar, worum es in Säidows Lesart des Märchens geht: Nicht um Gut und Geld, sondern um das Glück, das verloren gegangen scheint, oder, wie sich später herausstellt, vom bösen Zauberer bewacht wird. Mit Hilfe der beiden Rebhühner zeigt der Kater dem König und der Prinzessin, aber auch seinem Herrn, dem Müllerssohn, wie schön das Leben sein kann, wenn das Glück befreit wird.

Figuren hängen Spielern um den Hals

Und hierfür werden alle Register des Puppentheaters gezogen. Jonathan Gentilhomme entwarf fantastische, pink-glitzernde Rebhühner mit prächtigen Schwanzfedern als Ganzkörperkostüme für die Spieler, denen der Vogelhals aus dem Bauch wächst. Für den Müllerssohn und die Prinzessin schuf er sogenannte Kaukautzsky-Puppen, Figuren, die dem Spieler um den Hals gehängt werden. Die Köpfe von Claudia Luise Bose und Anna Wiesemeier werden somit zu den Köpfen der Figuren.

Der böse Zauberer schließlich ist nichts als eine sprechende Scheibe Zwieback und ähnelt Bernd, dem Brot. Seine Zaubereien sind schließlich auch nichts als heiße Luft, eigentlich peinlich. „Das is ja ein Toast!“, kommt auch prompt als Zwischenruf aus dem Publikum, bevor er vom Kater in Form eines leckeren Schokokekses zur Freude der Kinder verspeist wird. Das Glück wird befreit, Peter und Charlotte heiraten – Happy End!

Wunderbar unaufdringlich auch die Musik, die Roscha A. Säidow und Bernhard Range dem als Singspiel betitelten Stück beigefügt haben, schmissige Songs – es wird auch gerappt – stehen neben ruhigen Liedern, die die Stimmungen der Geschichte ähnlich einer begleitenden Filmmusik aufgreifen und die Inszenierung stimmig abrunden.