Magdeburg l Trotz längst vollzogener Abkehr von autoritärer Erziehung erfährt das Büchlein „Struwwelpeter“ mit seiner „schwarzen Pädagogik“ bis heute stetige Neuauflagen. Der Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann schuf mit seinem 1845 herausgebrachten Werk mit „lustigen Geschichten und drolligen Bildern für Kinder von 3–6 Jahren“ Bleibendes. Struwwelpeter, Zappelphilipp, Daumenlutscher-Konrad, das brennende Paulinchen und der bitterböse Friederich sind unsterbliche Figuren.

Musik der Tiger Lillies

Kreative Künstler nutzen das Werk allerdings für Parodie und Verhonepipelung. Wenn von einer „Junk-Oper“ die Rede ist, demnach „Schrott“ im Untertitel steht, ist Schabernack Programm. Wenn die schräge Londoner Kultband „The Tiger Lillies” für die Musik verantwortlich zeichnet, können sich geneigte Kunstliebhaber auf einiges gefasst machen. Vorab: Die Magdeburger Inszenierung erfüllt alle Kriterien sommerlichen Open-Air-Spektakels der durchgeknallten Art.

Burg mit Bunkercharakter

Von der ersten Sekunde an versetzt das Stück unter der Regie von Hans-Jochen Menzel in eine verrückte Welt, punktgenau in eine Klapsmühle, in der „Hoffi“ Dr. Hoffmann Dienst schiebt und Diagnosen wie Manie und Melancholie stellt. Bühnenbildner Christian Werdin hat eine großartige, je nach Spielstand wandelbare Burg mit Bunkercharakter gebaut, vermeintliche Hamsterräder inklusive. Hier entfaltet sich die rasante Dynamik des Geschehens. Die Verrückten spielen „Bestattungsinstitut“, das im Folgenden einige tote Kinder in einen hölzernen Sarg verfrachtet.

Komödiantische Spielfreude

Es geht drunter und drüber, Blut spritzt, als dem armen Konrad die Daumen abhanden kommen, Paulinchen, ein papiernes niedliches Püppchen, verbrennt auf offener Bühne und im per Post angelieferten Päckchen mit Baby Struwwelpeter stecken Messer. „Die mit schwachen Nerven können das Gelände verlassen“, ist ein Satz im Stück vernehmlich. Keiner geht. Unterhaltsam bis vergnüglich, auch frivol, atemlos-rasant, gruselig, komisch und mitunter merkwürdig abstoßend geht es auf der Bühne zu. Hoffmanns Geschichten erfahren schwarzen Humor, dass die Schwarte kracht. Kinder sterben und es amüsiert. Bitterböse, doch so übertrieben ironisch, dass Lachen erlaubt und erwünscht ist. Auch die Seitenhiebe auf Eltern von heute sitzen.

Das Ensemble aus Puppen-/Schauspielern und Musikern vollbringt Höchstleistungen. In schrillen Kostümen von Kathrin Hauer und in origineller Maskerade spielen sie das Spektakel durch, singen, rennen, kriechen, fallen tot um und stehen wieder auf. Ihr voller körperlicher Einsatz mit großer komödiantischer Spielfreude verlangt Respekt ab. Für ihre geschlossene Ensembleleistung sind Claudia Luise Bose, Leonie Euler, Linda Mattern, Anna Wiesemeier, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern, Leonhard Schubert und Maurice Voß nur zu beglückwünschen.

Punk, Swing und Theaterrevue

Ihre Puppen-„Kollegen“, geschaffen von Jonathan Gentilhomme, sind der Brüller. Alles andere als plüschig kommen Hase, Katze und Hund daher, eher scheinen sie dem „Friedhof der Kuscheltiere“ entsprungen, schaurig-verwahrlost, zottelig, der eine beiß-, der andere schießwütig, ulkig allesamt und das i-Tüpfelchen der Inszenierung. Kontrast: Die Figur des Struwwelpeters tritt in einem Videokunstwerk Hans Jochen Menzels auf. Mit dieser Grusel-Puppe will bestimmt kein Kind spielen.

Und nicht zuletzt dieser Punk, diese musikalischen Hymnen für Zappelphilipp, Casper und Friederich! Unter der musikalischen Leitung von Andreas Böhmer gelingt jedes Lied – gesanglich und instrumental. Gute Stimmen erfreuen, E-Gitarre, Mikro-Beatbox, Schlagzeug, Saxophon und Piano instrumentalisieren die Melodien der Tiger Lillies stimmig – schräg gemixt, mal als Klezmer-Polka anmutend, dann erinnernd an Weill-Klänge oder sie sind typisch Musical, Punk, Swing, Theaterrevue. Als Höhepunkt erklingt die Rocknummer „Ihr bösen, bösen Buben“.

Dieser „Struwwelpeter“ für Erwachsene hält die Balance zwischen Junk und Kunst. Er ist eine verrückte Show auf höchstem Niveau. In dieser Form sind die lustigen Geschichten und drolligen Bilder für Interessenten ab 15 Jahren und aufwärts geeignet.