Rafi Pitts: Zurückweisung scheint in Mode zu sein
Nero ist in Los Angeles aufgewachsen, doch den US-Pass hat er nicht. Er wird nach Mexiko abgeschoben, verliert seinen Traum, US-Staatsbürger zu werden, aber nicht aus den Augen. Dafür geht er sogar ein lebensgefährliches Risiko ein.
Berlin (dpa) - Ein junger Mann versucht alles, um die US-Staatsbürgerschaft zu bekommen. Nachdem er über den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA geklettert ist, meldet sich der 19-jährige Nero gar fürs Militär, um seinen Traum als Green-Card-Soldier zu verwirklichen.
Der aus dem Iran stammende Regisseur Rafi Pitts (49) spricht im Interview der Deutschen Presse-Agentur über das Thema Zurückweisung in seinem Berlinale-Wettbewerbsfilm Soy Nero (Ich bin Nero), die scheinbar einfachen Lösungen von Politikern und die Lage in seinem Geburtsland.
Frage: Was macht in Ihren Augen einen guten Film aus?
Antwort: Es muss ein Film sein, der Gefühle hervorruft - ein Film, der das Publikum dazu bringt, etwas zu empfinden. Ob mein Film das tut, ist schwer zu sagen. Dafür ist es noch zu früh. Ich habe es aber genossen, den Film mit anderen zu sehen. Viele Schauspieler hatten ihn noch nicht gesehen.
Frage: Soy Nero dreht sich vor allem um das Thema Zurückweisung. Sie bezeichnen es als das Schlimmste, was einem Menschen geschehen kann...
Antwort: Mir scheint, als wäre Zurückweisung gerade wirklich in Mode. Plötzlich mögen Menschen überall auf die Welt jene, die andere zurückweisen und ablehnen. Bei Wahlen wird für das Zurückweisen gestimmt. Das ist sehr traurig. Wenn man nicht zurückweist, gehen die Umfragewerte nach unten. Das ist verrückt. Es sollte andersherum sein. Man muss nur auf Deutschland und Kanzlerin Angela Merkel schauen.
Frage: Sie erzählen von den Green-Card-Soldiers, die sich für ihren Traum von der US-Staatsbürgerschaft freiwillig für den Militärdienst melden. Wie kamen Sie auf das Thema?
Antwort: Es war natürlich ein langer Prozess. Immer wenn ich einen Film mache, schaue ich auch auf mich und schaue, was in mir vorgeht. Ich war im Exil, kein einfacher Zustand. Von da ging es los. Mir wurde klar, dass auch ich nicht einfach über eine Grenze gehen kann, ohne Ärger zu bekommen. Und die Realität dieser Soldaten änderte meine. Das ist der Prozess des Films.
Frage: Immer wieder ist von Angst vor Fremden die Rede - woher kommt das?
Antwort: Ich glaube, die Angst rührt von Politikern, die einfache Antworten geben und einfache Vorschläge machen. Und je mehr Zeit vergeht, desto kürzer werden die Sätze.
Frage: Was kann ein Treffen wie das von Kanzlerin Merkel und Hollywood-Star George Clooney bewirken?
Antwort: Als Filmemacher und Künstler haben wir eine Stimme, und dank der Festivals können wir diese Stimme erheben. Die Lösungen können nicht von der Filmindustrie kommen. Und es wäre auch sehr anmaßend, das zu glauben. Aber wir können Bewusstsein für ein Problem schaffen.
Frage: Was erwarten Sie von der Öffnung des Westens gegenüber Ihrem Geburtsland Iran?
Antwort: Iran ist wie das Wetter. Es ändert sich. Manche Tage sind wolkig, manche sind sonnig. Es gab einige Sonnentage, dann werden wieder Wolken kommen und schließlich wieder die Sonne. Es war immer so.
Frage: Sehen Sie denn einen grundlegenden Klimawandel?
Antwort: Leider war ich seit 2009 nicht mehr da. Daher kenne ich die Wettervorhersage nicht.
ZUR PERSON: Rafi Pitts wurde 1967 im Iran geboren. Er wuchs in Teheran auf und floh während des irakisch-iranischen Kriegs 1981 nach England. Sein Vater ist Brite, seine Mutter Iranerin. In London machte er einen Abschluss in Film und Fotografie. Beim Seattle International Film Festival erhielt er 2007 den Emerging Masters Award. Auf der Berlinale ist Pitts kein Unbekannter. Im Wettbewerb war er 2006 mit Es ist Winter und 2010 mit Zeit des Zorns zu sehen. Seine aktuelle Produktion Soy Nero entstand mit deutscher Beteiligung.