Magdeburg l Der Nussknacker knackt den Zuschauer-Weltrekord. Was sich in Zeiten von Corona und Lockdown liest wie ein Märchen, ist auf den Tag genau nur ein Jahr her. 21. Dezember 2019: Die „Da Rookies“ befinden sich im 20. Jahr ihres Bestehens auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit ihrer Bühnenshow „Klassik trifft auf Breakdance“ – begleitet vom 70-köpfigen Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode – stellen die Magdeburger vor exakt 3320 Zuschauern in der Getec-Arena eine offizielle Bestmarke für ein „Breakdance-Klassik-Crossover mit Live-Orchester“ auf.

Es war einmal ... Der Nussknacker macht gerade harte Zeiten durch. Statt Kopfzustehen, liegt er am Boden – wie die gesamte Veranstaltungsbranche. Auch bei „Da-Rookies“-Manager Nils Klebe ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. „Corona hat uns buchstäblich den Tanzboden unter den Füßen weggezogen. Breakdance ist unsere Leidenschaft. Wir fühlen uns seit Monaten in unserem Tun, in unserer Profession extrem eingeschränkt.“ Schlimmer noch. Nach dem zweiten Lockdown machen sich Existenzängste breit. Es geht ans Eingemachte, gesteht der 41-jährige Magdeburger: „Aus wirtschaftlicher Sicht stehen wir als Crew, aber auch mit unserer Tanzschule vor den schwersten Zeiten ever. Wir rechnen nicht vor Mai 2021 mit einer Trendwende.“

Dabei lief Anfang des Jahres doch alles so gut für Magdeburgs Ehrenbotschafter. Die Jubiläums-Show hatte eingeschlagen wie eine Bombe. „Ende März habe ich noch zu meinen Jungs gesagt: ‚Keine Sorge, wir kommen klar. Das wird ein Mega-Jahr. Unsere Nussknacker-Tour 20/21 steht mit 15 Terminen, und auch sonst sind wir fast ausgebucht.‘“ Im April und Mai dann ein Tiefschlag nach dem anderen. Am Ende platzten 80 Aufträge – auch die komplette Nussknacker-Tour durch Deutschland sowie die Auftritte in Österreich und der Schweiz mussten abgesagt werden.

Das war für Klebe & Co. ein Schlag ins Kontor. Denn der Rattenschwanz, der an so einer Show hängt, „ist weitaus länger, als viele denken“, verweist der Breakdancer und Tanzlehrer auf eine Verantwortung, die weit über die sechs angestammten Crew-Mitglieder hinausgeht.

Veranstaltungbranche steht im Regen

Die „Da Rookies“ sind inzwischen ein kleines Unternehmen. Die 2018 kräftig aufpolierte Nussknacker-Bühnenshow, mit der man mit drei Bussen und 25-Mann-Team auf Städtetour geht, hat ein Gesamtinvestment von mehr als einer halben Million Euro. Allein das Weltrekord-Event vor einem Jahr verschlang einen Etat von 120 000 Euro. „Egal ob Bühnenbauer, Techniker, Garderobiere oder eben die Konzertveranstalter oder Caterer – sie alle sitzen mit im Boot und stehen wie wir Künstler mehr oder weniger ohne Verdienst da und fühlen sich von der Politik in Stich gelassen.“

Sein Beispiel stünde für die gesamte Unterhaltungs- und Veranstaltungsbranche, die seit Monaten völlig im Regen steht, so Klebe. Dabei ist sie mit 1,5 Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von 130 Milliarden Euro der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands. Viele, vor allem die Soloselbständigen, konnten nicht wie die „Da Rookies“ auf die eisernen Reserven zurückgreifen und sich mit Aufträgen ihrer Sponsoren (Skechers/Peek & Cloppenburg) über Wasser halten. „Die Hilfen aus dem Frühjahr waren ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit konnten viele nicht einmal die Fixkosten abfedern“, gibt der Magdeburger zu bedenken, obwohl er mit dem zweiten Lockdown ausdrücklich mitgehe. „Es ging nicht anders und hätte eigentlich viel früher passieren müssen.“

Doch noch etwas bereitet den „Da Rookies“ Kopfzerbrechen: der Nachwuchs. Die Movement Dance Academy, bei der Klebe gemeinsam mit seiner Frau Mandy die Fäden zieht, steht dabei exemplarisch für viele Tanzschulen – und -vereine im Land: Die sechswöchige Schließung in der ersten Jahreshälfte habe man noch irgendwie überstanden, „dank Zoom und vieler Eltern, die bereit waren, die Beiträge weiterzubezahlen“, berichtet Mandy Klebe. Doch seit Dezember ist wieder alles dicht. Eine Kündigungswelle droht. „Wir haben um die 60 Abmeldungen, weil viele jetzt selbst zu knabbern haben und nicht wissen, wie es weitergeht.“ Noch beängstigender sei aber, dass Eltern davon berichten, dass die Kinder die Lust am Tanzen verlieren. Und das bricht selbst dem härtesten Nussknacker das Herz ...