Wernigerode l Die romantische Oper „Faust“ nach Goethe – ursprünglich „Faust et Marguérite“ benannt – von Charles François Gounod erlebte ihre glanzvolle Premiere zu den 22. Schlossfestspielen. Fast alle deutschsprachigen Opernhäuser haben das 1859 entstandene und in zahlreichen Schritten neugefasste Werk im Repertoire – nun auch das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode unter Leitung von MD Christian Fitzner.

Regisseurin Birgit Kronshage und ihre Ausstatterin Katharina Rode legten eine fast rundum gelungene Arbeit mit vielen feinen, charakterisierenden Kostümen für Margarethe und Mephisto vor. Anders als bei Inszenierungen in festen Häusern verzichteten sie auf ein großes interpretatorisches Bühnenbild. Ein für den 37-köpfigen Chor und die sieben Solisten großes Podest genügte. Das Übrige tat die Schlossarchitektur hinzu – bis hin zur Nutzung der Walcker-Orgel der Schlosskirche.

Leider war die Premiere durch Dauerregen vermiest, so dass man in den Fürstlichen Marstall ausweichen musste. Aber hier war das Bühnenbild in Anklängen nachgebaut, einschließlich der metallbeschlagenen, efeu-umrankten Tür zu Gretchens Domizil. Es funktionierte.

Anders als bei Goethe ist Faust weniger der Sinnsucher, nach Erkenntnis Strebende. Seine Verjüngung dient vorrangig dem Liebesgenuss; Mephisto muss ihm Margarethe schaffen. „Die Liebesgeschichte“ – einschließlich Kindesmord – „ist die kühnste und tiefste der deutschen Dramatik“, befand der große Theaterdichter Brecht.

Inszenierung als dichtes Kammerspiel

Birgit Kronshage inszenierte dieses Geflecht um die Hauptpersonen und um Margarethes Bruder Valentin (Franz Xaver Schlecht), um ihren halbwüchsigen Verehrer Siebel (Pauline Weiche), um Marthe (Luise von Garnier) und Wagner (David Bubani) als dichtes Kammerspiel. „Es braucht nicht einen Mephisto ..., dem man seine Seele verkauft, der einen dann dazu bringt, Verbrechen zu begehen. Die meisten Menschen bereiten sich ihre Hölle selbst“, so die Regisseurin in ihrer Konzeption. Sie vertraute mit Feingefühl ganz der Musik und ihren ausgezeichneten Solisten.

Herausragend dabei als Mephistopheles der spielfreudige Bass Tim Stolte, als Faust der Bariton Daniel Philipp Witte und besonders die hochdramatische Sopranistin Lena Kutzner als Margarethe. Ausdrucksstark und technisch perfekt von den höchsten Höhen bis zu den schwärzesten Tiefen. Sie bringen die Geschichte um Liebe und Hingabe, Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht, um Trauer und Pein sehr überzeugend nah. Allesamt ganz wundervolle junge Sänger!

Christian Fitzner zauberte am Pult. Das Orchester glänzte beim eleganten Faustwalzer, war inniglich im Liebesduett Faust/Margarethe und trieb den Hörern in der Sakralszene fast die Tränen in die Augen. Welch Gespür Gounods als Opern- und Kirchenkomponist für Effekte und Wirkungen!

Arien auf Französisch

Großes Kino – auch darstellerisch – bei Mephistos gespenstischer Ballade vom Goldenen Kalb oder in der Juwelenarie Margarethes. Als sehr förderlich für das Verständnis der Oper erwies sich der Kunstgriff, die Arien in der Originalsprache Französisch zu singen, alle Rezitative und sonstigen Texte aber auf Deutsch.

Die Chöre mit großen Aufgaben waren hervorragend durch Ingrid Sprenger studiert, interpretiert von acht Profi-Chorsolisten und der bewährten Singakademie Wernigerode. Pures Vergnügen!

Wenn es etwas zu kritisieren gab, dann auf hohem Niveau: Das Podest war für die Szenen, in denen die Regie die Darsteller im Sitzen oder im Liegen spielen ließ, zu niedrig. Für Zuschauer etwa ab der vierten Reihe wurde dann die Oper zum Hör-Spiel. Und der Walpurgis-Mummenschanz mit einem Mephisto in offenkundiger Conchita-Wurst-Verkleidung samt Kopulation mit Faust? Denunzierend und geschmacklos.

Ansonsten ganz großes Lob für eine emotional ungeheuer bewegende Operninszenierung an alle Beteiligten. Sie erhielten langen Applaus für das über dreistündige Werk. Ein weiterer Glanzpunkt der Schlossfestspiele.

Weitere Vorstellungen am 18., 19., 25. und 26. August, jeweils um 19.30 Uhr.