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Deutschland-Premieren beim 9. Internationalen Figurentheaterfestival Sehnsucht nach Rotkäppchen und ein Revolver, der Befehle gibt

22.06.2011, 04:32

Überraschend, poetisch, witzig, kritisch - auch am dritten Tag zeigt das 9. Internationale Figurentheaterfestival mit "Und dann fraß er mich auf" und "Die unglaublichsten Geschichten der Welt", welche Kraft darin liegen kann, die Dinge einmal ganz anders zu betrachten.

Von Caroline Vongries

Magdeburg. Das Märchen vom Rotkäppchen muss noch einmal völlig neu erzählt werden. Meint zumindest der Wolf. Denn der leidet. Ganz schrecklich sogar. Zudem hat er heute noch gar nichts gegessen. Frisch rasiert, im Anzug, ohne Hemd, dafür mit buschigem Wolfsschwanz am Hosenboden pirscht er sich an seine Erinnerungen heran, barfuß, gefolgt von seinen hohen Reiterstiefeln wie von einem unsichtbaren Schatten.

Der Wolf ist verzweifelt, er kommt nicht los von dem Mädchen, Rotkäppchen. Christine, schreit er, Isabelle, Véronique. Er ist besessen von der eigenen Schuld, von der verpassten Begegnung. Er war zu hungrig, wollte alles auf einmal, jetzt läuft er Amok gegen die eigene Einsamkeit, schlägt die Sterne vom Himmel, rüttelt an der Tür. Er sehnt sich so sehr.Doch Christine, mittlerweile eine Matrone im beigefarbenen Schürzenkleid, mit ihren roten Pumps, in ihrem roten Ohrensessel, die an einem roten Schal strickt, bleibt für ihn unerreichbar. Sie hat es hinter sich, das Chaos der Leidenschaften, sie ist und bleibt in ihrer eigenen Welt, eine Wiedergängerin, für die das Ende der Geschichte unverrückbar ist: "Und dann fraß er mich auf."

Wie sicher ist das, was wir vermeintlich wissen?, fragt das französische "vélo théâtre", das nicht zum ersten Mal in der Landeshauptstadt gastiert.

Das Figurentheaterfestival in Magdeburg zeigt am Montagabend gleich mit mehreren Inszenierungen, dass das Genre gerade heutzutage in einem hohen Maße geeignet ist, Denk- und Sehgewohnheiten zu verrücken, die sich als selbstverständlich gerieren. Weil hier das Wesentliche jenseits der Worte liegt. Und weil es die archaische Ebene in uns zu berühren vermag. Zugleich sind Witz und Unterhaltungswert beachtlich.

Bühne wie eine Alchemistenküche

Meisterhaft jongliert etwas später am Abend Shahar Marom vom israelischen "talkingobjekt theatre" mit allen Facetten der Irritation. Die Bühne ist wie eine Alchemistenküche ausgeleuchtet. Die Größe einer Tischplatte reicht dem stets handgreiflichen Erzähler, um dort das Universum seiner Miniaturen aufzufächern. Die Gegenstände, Feuerzeuge, Fläschchen werden selbst lebendig und erzählen "die unglaublichsten Geschichten der Welt". Zum Beispiel von Amy, der jungen Frau, die an die Liebe glaubt und sich vom süßen Duft eines Pfeifentabaks in die Arme eines mysteriösen Mediziners locken lässt. Der hat, so stellt sich Bild um Bild heraus, allerdings leider ähnliche Obsessionen wie der aus dem Bestseller "Das Parfum" bekannte Frauenmörder ...

Bemerkenswert vieles dreht sich um das Thema eines gewaltsamen Todes. So auch beim minimalistischen Bericht über das Szenario eines geplatzten Aufstands der Miniaturrebellen gegen den übermächtigen Diktator General Diaz. Beauftragt mit der Exekution der mittlerweile Inhaftierten, ist der Kommandante, ein einfach auf den Lauf gestellter Revolver, der schnell mit ein paar Haaren in und ums "Gesicht" ausstaffiert, aus dem hoch und runter klappenden Abzugshahn seine Befehle brüllt.

Das Makabre, Brutale politischer Realitäten wird durch die unsentimentale, knappe und dabei im Gegensatz zum bedrohlichen Inhalt so erfrischende Erzählweise umso deutlicher. Dabei bleibt stets ungewiss, ob die Geschichten gut ausgehen oder nicht.

Fest steht: Wunderbar kreativ, eindrücklich, sehr sehenswert!