Hengstmann-Brüder zeigen neues Polit-Kabarett-Programm mit gelungenen Improvisationen So viel Dekadenz muss sein!
Eine Polit-Kabarett-Premiere drei Tage vor der Bundestagswahl? Da staunten die Hengstmann-Brüder im Programm "D-Kadenz" am Donnerstagabend in ihrem Domizil im Magdeburger Breiten Weg über sich selbst. Doch was soll´s. Es bleibt sowieso alles ganz anders, und das Publikum belohnte sie mit stürmischem Beifall.
Magdeburg l Zehn Jahre ist es her, dass die beiden jungen Hengstmänner aus dem langen Schatten des Vaters traten, um nun ihr zehntes eigenes Programm auf die schmalen Bretter der alles bedeutenden Bühne zu stellen. Sie sind älter, charmanter gesagt, reifer geworden, haben sich künstlerisch weitestgehend abgenabelt, ohne jedoch die Wurzeln des Familienkabaretts zu verleugnen.
Sebastian und Tobias Hengstmann sind Vollblutkabarettisten, was wohl an den Genen liegen mag. Man spürt jeden Moment die unbändige Freude am Spiel, am Wortwitz und an der Improvisation. Da entstehen herrlich komische Momente, wenn sie auf das Textbuch pfeifen und aus der Situation heraus schlagfertig und intelligent zusätzliche Szenen einbauen. Das ist politisches Kabarett für Schnelldenker, denn für großartige Erklärungen von Namen oder Hintergründen ist meist kaum Zeit. Die Kabarettisten jagen von Thema zu Thema, von Skandal zu Skandal, von Merkwürdigkeiten und Gerüchten durch die bundesdeutsche Dekadenz, die von Unbedarften noch immer für Realität, in ganz schlimmen Fällen gar für Politik gehalten wird. Dabei lassen sie kein Fettnäpfchen aus und würden sich vermutlich als Elefanten im Porzellanladen pudelwohl fühlen.
Es ist eine Freude, wie sie die Gemeinsamkeit von fellbezogenen Tassen mit den Wahlen als in beiden Fällen völlig sinnlos herausarbeiten, in einem Handy-Dialog das Phänomen von immer mehr Kommunikation bei immer mehr "Aneinander-vorbei-Reden" beleuchten, oder mit geheimnisvollem Blick einen neuen Anden-Pakt zum Sturz der Kanzlerin bilden wollen. Dem alten seien schließlich die Gegenspieler der Regierungsmacht durch Wegbeißen abhanden gekommen.
Die großen künstlerischen Vorbilder der Hengstmann-Brüder sind dabei unverkennbar die Dialoge von Herricht und Preil, deren kabarettistische Methoden wie einst bestens funktionieren. Die beiden jungen Künstler von heute ergänzen sie durch gekonnte musikalische Ausflüge, diesmal mehr an Rocksong-Legenden angelehnt. Und wenn sie in ihren Texten dann der Brotbüchse des FDP-Granden Rösler ebenso wie dem Turnbeutel von Westerwelle auf die Frage, ob sie denn deren Freund sein wollten, eine Absage erteilen, ist ihnen der tosende Beifall des Publikums gewiss.
Aber schließlich werden sie doch noch ein wenig nachdenklich, wenn im Abschiedslied der Rückblick auf zehn Jahre politisch-satirischen Strebens mit dem Wunsch verbunden wird, auch einmal unbeschwert auf einem Traumschiff zu reisen, selbst wenn gerade auf dem Mittelmeer ein Boot mit toten Flüchtlingen in die Schiffsschraube gerät. Pfui, wie dekadent!
Vielleicht ist es auch schon ein wenig dekadent, ins Kabarett zu gehen, statt sich mit Kartoffelchips auf der Couch Fernseh-Fußball reinzuziehen. Aber wenn es um dieses Programm geht, kann man nur sagen: So viel Dekadenz muss sein!