Im Gespräch mit City-Frontmann Toni Krahl zum 40. Geburtstag der Band "Solange man Ziele verfolgt, ist man jung"
Kultband City ist 40 und feiert sich mit einem Album und einer Jubiläumstour. Grit Warnat hat mit Frontmann Toni Krahl über neue und alte Lieder, Botschaften und das Jungbleiben gesprochen.
Volksstimme: Glückwunsch zum 40. Bühnenjubiläum.
Toni Krahl: Herzlichen Dank.
Volksstimme: Wie fühlen Sie sich?
Krahl: Wie 40. Im Leben bin ich ja 62.
Volksstimme: Da passt der Album-Titel "Für immer jung". Alphaville sang "Forever young". Haben Sie sich leiten lassen?
Krahl: Ja, aber nicht von Alphaville, obwohl das Lied sehr schön ist. Wir haben uns von Bob Dylan inspirieren lassen. Wir beziehen uns in dem Song auch direkt auf ihn.
Volksstimme: Wie wollen Sie für immer jung bleiben?
Krahl: Wir wissen, dass der Mensch mit den Jahren anfängt zu schrumpeln. Für immer jung bezieht sich nicht auf Schönheit, sondern auf das Wachbleiben, das Neugierigbleiben, auf das Verfolgen von Zielen. Solange man dies tut, ist man jung.
"Der Titelsong ist ein kleiner Abriss aus meinem Leben"
Volksstimme: Solche Ziele waren immer Themen, die die Menschen bewegen, nie das Gleichmaß, sondern oft eine politische, gesellschaftskritische Botschaft.
Krahl: Wir schreiben uns nicht auf die Fahne, gesellschaftskritisch zu sein. Mir ist es vor allem als Sänger wichtig, dass die Texte eine gewisse Gültigkeit haben und dass sie stimmen. Wir richten großes Augenmerk darauf. Wir singen sie ja nicht nur für einen Abend, sondern müssen mit diesen Liedern leben, mit einigen jetzt schon 30, 40 Jahre.
Volksstimme: Im Titelsong "Für immer jung" richten Sie den Blick zurück. Es geht um den Prager Frühling, um 16 Wochen hinter Gittern. Sie saßen damals wegen ihres Protests im DDR-Gefängnis. Warum ist es Ihnen wichtig, das jetzt zu thematisieren?
Krahl: Der Titelsong ist ein kleiner Abriss aus meinem Leben, so wie es in drei Minuten möglich ist. Er greift Dinge auf, die mich am meisten bewegt haben. Das geht los mit Russenfilm und Fernsehwestern, Heimwehschmerz im Kinderheim und natürlich der Prager Frühling, der mich in meiner persönlichen Entwicklung geprägt hat. Er war ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich bin wirklich nicht rückwärtsgewandt, aber bei 40 Jahren war mir diese kleine persönliche Rückschau wichtig.
Volksstimme: Sie sind in den Texten auf der neuen CD vor allem im Hier und Heute, im Titel "Zu spät" zum Beispiel. Sie sprechen es nicht aus, aber man vermutet, es geht um eine Atomkatastrophe, um Fukushima?
Krahl: Das Lied ist im vergangenen Jahr nach der Fukushima-Katastrophe entstanden. Wir haben das Lied in einem Studio in Gorleben aufgenommen. Die Bilder haben sich, so wie wir es auch besingen, bei uns eingebrannt. Der Text ist nicht besonders optimistisch, aber er soll auch provozieren. Wir glauben ja auch, dass es nicht zu spät ist.
"Es geht um ein Thema, das jeden Tag neu geboren wird"
Volksstimme: City textet, komponiert. Aber auf dem Jubiläumsalbum ist das bekannte Lied "Sind so kleine Hände" der Liedermacherin Bettina Wegner zu finden. Warum?
Krahl: Es ist ein Jahrhundertsong. Er hat nicht nur einen tollen Text, sondern auch sehr, sehr schöne Musik. Vor allem aber geht es um ein Thema, das jeden Tag neu geboren wird, weil immer wieder kleine Wesen auf die Welt kommen. Wir sollen sie liebevoll durchs Leben führen, dass sie mit geradem Rückgrat in die Zukunft gehen können. Wir sollten sie so behandeln, wie es Bettina Wegner in ihrem Lied einfordert. Es war unser Wunsch, das Lied zu unserem Lied zu machen. Wir haben es nicht verändert, aber musikalisch auf City übersetzt. Und da das Lied von einem Mann gesungen wird, ist aus unserer Sicht auch eine kleine neue Attitüde drin.
Volksstimme: City erlebte fast 20 Jahre die DDR-Zeit und etwas mehr als 20 Jahre die Bundesrepublik. War es damals einfacher, mit Ihren Botschaften das Publikum zu erreichen?
Krahl: In der DDR waren vielleicht das allgemeine Befinden und der Zeitgeist etwas einheitlicher. Es wurde alles überpolitisiert, das hat jeden von uns geprägt. Heute gibt es deutlich mehr politische und kulturelle Angebote, auch die Rückzugsmöglichkeiten sind viel breiter. Das Leben ist individueller. Insofern hatten wir vielleicht in der DDR dem breiten Zeitgeist entsprochen. Heute sind es unsere Gedanken, und es gibt immer noch viele, die sich damit identifizieren. Das freut uns, aber wir haben nicht den Anspruch, Sprecher einer Gruppe zu sein.
Volksstimme: Der erfolgreiche Musikmanager Thomas Stein meinte, City ist längst im Westen angekommen.
Krahl: Es geht um die Tonträgerverkäufe, die, das ist für uns schon erstaunlich, im Osten wie im Westen gut laufen.
"Wir haben nicht den Anspruch, Sprecher einer Gruppe zu sein"
Volksstimme: Und Ihre Konzerte? Sie finden doch zum großen Teil in Ostdeutschland statt. Dresden, Gera, Rostock, Magdeburg.
Krahl: Unsere großen Jubiläumskonzerte sind im Osten. Uns fehlt aus unserer Tradition heraus eine Veranstalterstruktur im Westen. Es stimmt, die Angebote von dortigen Veranstaltern sind rar. Wir machen vielleicht in diesem Jahr fünf, sechs Shows im Westen. Das ist nicht viel, aber wenn wir dort spielen, geht die Post ab.
Volksstimme: Wie viel Neues, wie viel Altes ist von City auf der gerade gestarteten Jubiläumstour zu hören?
Krahl: Eine zentrale Rolle spielt unser neues Album. Das viele neue Material dosieren wir aber so, dass immer wieder etwas von unseren Best-of-Liedern eingestreut wird. Die Klassiker sind alle dabei.
Volksstimme: Also auch "Am Fenster".
Krahl: Ja. Natürlich.
Volksstimme: "Am Fenster" ist ein unsterblicher Song. Wie schwer ist es, heute solch einen Song zu produzieren? Kann das City noch einmal gelingen?
Krahl: Das ist schwer. Produzieren kann man alles, aber ein Lied muss ja bemerkt werden. Die elektronischen Medien wollen, dass alles in drei Minuten passiert, der Refrain muss nach 45 Sekunden kommen, sonst hat das Lied keine Chance im Radio. Die Werbeindustrie bestimmt viel mit, es geht um Kriterien, die nichts mit Musik zu tun haben. Das ist traurig, aber damit leben nicht nur wir, sondern alle anderen auch. Und ein Song, der 7, sogar 10 oder 15 Minuten lang ist, war in den 70er Jahren keine Ausnahme. Pink Floyd, Led Zeppelin, die haben sich von der Musik leiten lassen. Wir uns auch immer.
Volksstimme: 40 Jahre Bühne. Was wünschen Sie sich zum Jubiläum?
Krahl: Eine wirklich schöne Tour und ein glückliches Publikum. Und das noch möglichst lange.
Konzert am 30. März, 20 Uhr, Stadthalle Magdeburg, Karten gibt es in den Volksstimme-Service-Centern