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Premiere von "Dracula" auf der Puppenbühne des Anhaltischen Theaters Dessau Spannungsreich und komödiantisch

Von Helmut Rohm 11.06.2012, 03:36

Schwarz und Weiß sind dominant. Hin und wieder setzt Rot einen markanten Kontrast - Blut symbolisierend. Auf der Puppenbühne im Alten Theater des Anhaltischen Theaters Dessau gab es am Freitagabend die Uraufführung von "Dracula".

Dessau-Roßlau l Nach zahlreichen Vertonungen, internationalen Verfilmungen, einigen Bühnenbearbeitungen, auch Comics, hat die Berliner Regisseurin Astrid Griesbach nach dem 1897 veröffentlichten Vampir-Roman von Bam Stoker die Geschichte als Stück auf die Puppenbühne gebracht.

Die Bühnendekoration ist spartanisch. Seitlich zwei kubische Sockel - universell eingesetzt als Minibühnen. Ein tryptichonähnlicher Wandschirm begrenzt die Bühne nach hinten. Mit Spielraum auch dahinter, wie sich im Verlauf des Spektakels auf wunderliche Weise erleben lässt. Und - im steten Spotlicht seitlich an der Wand verfolgt ein horrorstilgerecht angenagelter Raubvogel das wundersame etwa einstündige Geschehen.

Astrid Griesbach lässt die Story, frei angelehnt an die Romanhandlung, handlungsverständlich gestrichen, von insgesamt vier Akteuren (Uta Krieg, Helmut Parthier sowie als Gäste Sabine Mittelhammer und Christine Müller) schön spannungsvoll zelebrieren. Sie präsentieren keine feste Rollenzuweisung, sind als Menschen dennoch oft geheimnisvoll handlungsrelevant. Sie sind abwechselnd natürlich Puppenspieler, wie bei der Hauptrolle der Ellen oder als Spieler mit Puppen, wie beim farbigen "Peststerben" einer Familie und deren humorvoller Wiederauferstehung. Die darstellerische Vielfalt und das vielfältige komödiantische engagierte Können werden auch beim mit Spontan-Beifall bedachten live instrumental (Violine, Gitarre, Akkordeon) und gesanglich stimmig eingefügten Song "To the Sea" erlebbar deutlich.

Diese Dessauer Inszenierung ist gespickt mit mehr oder minder passenden detailverliebten Spielereien - auf jeden Fall von effektvollen Spannungsmomenten. So wie beim Beginn, als auf der Bühne und im Zuschauerraum eine fast knisternde Neugierde zu spüren ist, was denn wohl in dem geheimnisvollen Würfel auf eben einer der Spielsäulen drin sei. Ein offenbar funkferngesteuerter schnöder Lichtschalter, dessen vorsichtiges Berühren das Stück "in Gang setzte". Beifall.

Zwei alternierende Handlungsstränge

Die Zuschauer erleben als Dramaturgiegerüst zwei alternierende Handlungsebenen - die des zu einem Geschäft mit einem Käufer namens Graf Dracula nach Transsylvanien geschickten Immobilienmaklergehilfen Hutter. Und die der zurückgebliebenen Frau Ellen. Dargestellt wird Ellen mit einer an Käthe Kruse erinnernden "normalen" arm- und kopfaktiven Kinderpuppe, im Komplex mit den reizvollen Mono- und Dialogen. Aktionsreich und im Schattenspiel mit Flachfiguren auf dem zu drei Projektionsflächen umfunktionierten Wandteiler können die Zuschauer die turbulenten Abenteuer der Reise des Hutter verfolgen.

Mit ein wenig Fantasie und sicher auch vorteilhafter Kenntnis der Romanhandlung sind einzelne, teilweise nur angedeutete Szenen über Liebe, Horror, Abenteuer, Beziehungen, Gier um Macht und vor allem um Geld und auch die "Seitenblicke" zur Aktualität nachzuvollziehen.

Ob allerdings Rumänien mit "klauen" charakterisiert werden soll, ist sicher nicht nur eine Geschmacksfrage. Und ob das Stück in dieser Lesart, so wie im Programmheft ausgewiesen, für "Menschen ab vier" angeraten ist, ist, ohne den Verständnisgrad unseres Nachwuchses herabstufen zu wollen, zumindest fragwürdig.

Den fast ausschließlich erwachsenen Gäste der abendlichen Premiere hat, wie der Beifall belegte, es sehr gefallen.

Nächste Vorstellung am 13. Juli um 20 Uhr