Gernrode (dpa) l Wer war dieser Mensch, der an so exklusiver Stelle bestattet wurde? Vor diesem Rätsel stehen Archäologen in der Stiftskirche der evangelischen Gemeinde St. Cyriakus in Gernrode. Denn vor dem Heiligen Grab der Stiftskirche im Harz – der um 1100 entstandenen und somit wohl ältesten erhaltenen Nachbildung des Heiligen Grabes von Jerusalem, eines Hauptheiligtums des Christentums - wurde bereits vor Jahren ein echtes Grab entdeckt. Und vor dem 30. Osterspiel in der Stiftskirche haben die Forscher es nun geöffnet.

"Bei der Person handelt es sich, nach der Form des Schädels, vermutlich um eine Frau. Zudem fand sich ein winziges Bernsteinkreuz, das die Frau an einer Kette um den Hals getragen haben könnte", sagt Archäologe Thomas Koiki vom Landesmuseum Halle. "Die sterblichen Überreste kommen ins Labor zur Alters- und DNA-Bestimmung." Nach der Untersuchung wird die Frau wieder beerdigt.

Eigentlich wurde das Grab bereits 2010 bei der Sanierung der Grabkammer gefunden, doch aus Kostengründen konnte es nicht vollständig geborgen werden. Bei dem Grab handelte es sich um ein sogenanntes "Kopfnischengrab": Der Kopf lag in einer Steinnische, der Körper in Ost-West-Richtung in einer Steinpackung. Nur wenige Knochen, etwa Unterschenkel, Oberschenkel, untere Armknochen sowie Teile des Schädels, blieben dort erhalten.

Wer war diese Frau? Gemeindepfarrer Andreas Müller hat zwei Vermutungen. "Hidda, die Schwester des Markgrafen Gero I. (um 900 bis 965) pilgerte mit einer Gruppe um 956 zum Heiligen Grab nach Jerusalem. Dort starb sie. Eine zurückkehrende Frau aus der Pilgergruppe fertigte vermutlich in Jerusalem Skizzen vom Grab an und brachte sie nach Gernrode. Die Nachbildung entstand nach ihren Entwürfen. Als Anerkennung wurde sie vor dem Heiligen Grab beerdigt."

Heilige Gräber in Deutschland

Eine andere Möglichkeit: Die Schwiegertochter des Markgrafen, Hedwig, wurde nach dem frühen Tod ihres Mannes Äbtissin. Sie starb 1014 und könnte hier begraben worden sein. "Die nachfolgenden Äbtissinnen sind alle in der Kirche begraben", sagt Müller. "Allerdings, wenn die DNA-Analyse bestätigt, dass es sich bei der Toten um eine junge Frau handelt, ist diese Möglichkeit hinfällig." Laut Müller gibt es in Deutschland noch 15 Heilige Gräber.

Trotz des archäologischen Rätsels findet auch dieses Jahr die Ostertradition der Stiftskirche statt. Grundlage für das Osterspiel ist ein "Drehbuch", welches im 11. Jahrhundert im Damenstift Gernrode entstand. Dort lebten Frauen nach Ordensregeln, blieben aber weltlich. Die Schriften gingen verloren. Im Jahr 1972 wurde in einem Archiv in Berlin-Dahlem eine Abschrift aus dem Jahr 1502 entdeckt. Seit Ostern 1989 führt die Gemeinde das Osterspiel in der Stiftskirche auf.

Es ist immer der gleiche Ablauf: Der Pfarrer holt aus dem Vorraum des Heiligen Grabes die brennende Osterkerze. Zehn Frauen und zehn Männer in weißen Gewändern, bekleidet mit roten Kopfschals und Kerzen in den Händen stehen auf den Stufen des Altars. Von der Osterkerze wird das Licht auf ihre Kerzen übertragen. Sie gehen dann in einer kleinen Prozession durch die Kirche und bringen symbolisch das Licht des auferstandenen Jesus in die Dunkelheit. Zudem begleiten lateinische Gesänge die in Spielszenen nachgestellten biblischen Ereignisse der Auferstehung.

"Im Mittelalter war das eine beeindruckende, theaterähnliche Zeremonie", sagt der Kunsthistoriker beim Landesmuseum Halle, Volker Seifert. "Die weitaus meisten damaligen Menschen arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts von früh bis spät und lebten in sehr bescheidenen Häusern unter widrigen Bedingungen. Dann kamen sie in die festlich geschmückte Kirche und sahen plötzlich dieses Licht von gut riechenden Bienenwachskerzen und diese Farbigkeit. Der Kontrast zu ihrem Alltag war enorm."