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Domfestspiele Halberstadt mit "Maria Magdalena" Tanz und Musik verschmelzen mit der Architektur des Domes

04.06.2011, 04:32

Jesus und Maria Magdalena - den episodischen Verweisen der Bibel nach könnten sie ein Paar gewesen sein. In der Uraufführung des Balletts "Maria Magdalena" am Himmelfahrtstag im Dom zu Halberstadt zeichnete Jaroslaw Jurasz ein überzeugendes Bild der Schutzheiligen der Frauen, der Schüler und Studenten, der Prostituierten, der Winzer und Friseure. Es gab neun Minuten Standing Ovations für den Choreografen und sein Team.

Von Hans Walter

Halberstadt. Zu den alljährlichen Domfestspielen in Halberstadt beschert Jaroslaw Jurasz dem Publikum seit Jahren Ballettaufführungen, die exklusiver nicht sein könnten. Da sie an die Festspiele gebunden sind, werden sie nur ein einziges Mal aufgeführt. Für das "Maria Magdalena"-Ballett komponierte der Grieche Irenios Triandafillou die Musik. Eine große Klang-Collage aus vorproduzierten Orchester- und grandiosen Live-Klängen der Eule-Orgel mit Organist Lukas Maschke, des Opernchores des Städtebundtheaters und der ausdrucksstarken Sopranistin Nina Schubert als Maria Magdalena. Es ist eine expressive, dramatische Musik voll treibender Motorik, deren Bestandteile im Dom diszipliniert zusammengehalten wurden. Zugleich hat sie lyrische Momente von großer Zartheit.

Jurasz bedient sich eines Tricks: Ähnlich wie Anna I und Anna II in Brecht/Weills Ballett "Die sieben Todsünden der Kleinbürger" splittet er die titelgebende Figur in eine tanzende und eine singende Magdalena auf. Beide sind fast gleich in flammendes Rot gewandet. Die Ausstattung schuf Kordula Kirchmair-Stövesand; sie nahm wohl auch ikonografische Anleihen bei Matthias Grünewald und dem berühmten Isenheimer Altargemälde auf.

Kimiko Koo interpretiert die Leiden der unverheirateten Maria Magdalena, die eingangs ein lockeres Leben als Prostituierte führt, in starken tänzerischen Bildern: Ihre Steinigung durch das Volk Jerusalems. Ihre erste Begegnung mit Jesus. Ihre zarte Annäherung. Das körperliche Loslassen von dem asketischen Jesus und die geistige Gefolgschaft. "Über diese göttliche, heilige und erlösende Liebe belehrt uns ihre Geschichte", schrieb der Komponist Triandafillou zu seinen Intentionen.

Die Innenwelt Maria Magdalenas schildert die Sängerin Nina Schubert mittels empfindsamer Lieder nach Texten von Hermann Hesse und der Heiligen Hymnologie der Karwoche der urchristlichen Kirche.

Kraftvoll und tänzerisch wild

Tanz, Musik, Orgelspiel, Chöre und Ausstattung verschmelzen mit der Architektur des gotischen Domes zu einem großartigen Gesamtkunstwerk. Mindestens aber gleich stark wie Maria Magdalena zeichnet der Solotänzer Daniel James Butler sein Jesus-Bild: empfindsam, zweifelnd, einsam in seinen Entschlüssen in Zwiesprache mit seiner Mutter Maria und mit Gott, leidend am Kreuz. Hier wird die Passionsgeschichte zum tänzerischen Ereignis.

Aus der Fülle der Bilder ragt besonders der intensive Pas de deux von Kimiko Koo und Daniel James Butler heraus. Als gedankenvolle Mutter Maria ist Katia Alves de Alencar zu erleben. Kraftvoll und tänzerisch wild als Soldaten füllen Jaume Bonnin, Marcelo Dono, Stephan Müller und Gareth Sollars raumgreifend die Bühne. Das gesamte Ballettensemble und der Chor schaffen spannende Bilder der Karwoche.

Das Publikum reagiert emphatisch auf diese Uraufführung. Das Ballett "Maria Magdalena" erwies damit erneut - wie zahlreiche Kunstwerke vor ihm, zuletzt Ron Howards Verfilmung von Dan Browns Bestseller "Sakrileg" - seine Lebensfähigkeit. Aber es war anders. Eine leise, stille Annäherung an jene Frau, die seit fast 2000 Jahren als "Apostelgleiche" verehrt wird.