Ballett Tanzmärchen ohne Lebkuchenhaus
Bei der Uraufführung von "Hänsel und Gretel" in Halberstadt, konnten die Zuschauer zauberhaftes Ballett erleben.
Halberstadt l Zu Beginn ist alles so, wie man sich das Märchen vorstellt. Die Eltern sind bettelarm, Hänsel und Gretel reiben sich die Bäuche vor Hunger. Der Vater (Vinicius Augusto Menezes da Silva) verdient sein karges Brot im Wald als Holzhacker. Die Mutter (Shainez Atigui) kümmert sich liebevoll um die Kinder. Wenn Papa nach Hause kommt, darf sein Töchterchen (Caterina Cerolini) auf seinen Armen schaukeln; Hänsel (Andrea Zinnato) auf ihm herumklettern. Dann werden sie von den Eltern verlassen und müssen ihre eigenen Wege finden.
Basti Bund komponierte eine bläserdominierte neue Musik. Eingängig – wenn auch kein Ohrwurm dabei war –, nicht dissonant oder laut und schrill, sondern die Handlung meist rhythmisch vorantreibend oder lyrisch verweilend. Gut tanzbar.
Dann kommt die Hexe (Debora Di Biagi) ins Spiel. Mit einem prächtigen Eiswagen. Sie lockt die Bürgerkinder (sechs Mädchen des Kinderballetts) zum Genuss an. Hänsel und Gretel bekommen nichts – sie bleiben ungeliebte Streuner. Straßenkinder. Hungrige Außenseiter der Gesellschaft.
Dann der Sandmann – ein schneller Umzug für Denison Pereira da Silva. Er setzt Lichter rund um die von ganz großem Hunger betroffenen Hänsel und Gretel. Sie sammeln sie ein – da verwandeln sie sich in Leckereien. Vielleicht Twix- oder Marsriegel mit ihrem Silberpapier. Ein Zahnarzt kommt (Alexandre Delamare). Ein bisschen sieht er aus wie der geheimnisvolle Dentist Orin Scrivello im Musical „Der kleine Horrorladen“. Die kleinen naschhaften Zähne vor Wänden mit Lollys und anderen Süßigkeiten müssen dafür büßen.
Richtig unheimlich wird es, als die Hexe in einem tollen Gewand auftaucht. Sie ist zunächst nicht zu sehen, sondern nur zu hören. Ihr Raschel-Kostüm ist aus Hunderten Stanniol-Bonbonpapieren gemacht; dank der Oscherslebener Firma Bodeta. Auf dem Boden winden sich wie Lemuren die Nachtmonster der Hexe. Sie greifen Hänsels Käfig aus riesigen Zuckerstangen an. Gretel gerät mit dem bösen Weib in furchtbaren Streit. Bühnennebel wallt auf – da öffnet sich der Boden und die Hexe verschwindet auf Nimmerwiedersehen im rotglühenden Feuerschlund. Ende gut, alles gut. Hänsel und Gretel finden zu ihrem friedvollen Vater zurück, und ein Engel performt schwierigen Spitzentanz.
Das aus nur vier Tänzerinnen und vier Tänzern bestehende klitzekleine Ensemble plus Kinderballett hat schweißtreibende Schwerstarbeit geleistet und war fast ununterbrochen auf der Szene präsent.
Gar nicht erstaunlich, dass die Kinder viel besser mit der Fantasiewelt Can Arslans und seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Franziska Harbort klarkamen als viele Erwachsene. Stürmischer Applaus im fast voll besetzten Theater für die Tänzerinnen und Tänzer, für Harbort, Arslan und den anwesenden Komponisten Basti Bund. Für packende Körpersprache, für ein bewegtes modernes Tanzmärchen ohne Lebkuchenhaus, dafür voller Fantasie, Eiscrem und Zuckerstangen.
Die nächsten Vorstellungen: In Quedlinburg am 21. und 29. November sowie am 7. und 15. Dezember. In Halberstadt am 6., 21., 23. und 25. Dezember. In Salzwedel am 1. und in Stendal am 2. Dezember.