Magdeburg l „Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen.“ Diesen Spruch hat sich Regisseur Michael McCarthy offensichtlich zu Herzen genommen. Er ließ barocktypische aufgemalte Kumuluswolkentürme auf und ab schweben; die Sänger gestikulierten, ebenfalls fachgerecht barock, zwar heftig, aber bis auf einen einzigen Ausrutscher stets brav über der Gürtellinie. Wenige Requisiten wurden von Bühnenarbeitern in die ansonsten leere Szene gereicht. Das alles hatte Stil und Geschmack, war aber für den über dreistündigen Abend einfach zu wenig.

Richard I. Löwenherz, Cœr de Lion, the Lionheart. Der legendenumwobene englische König wurde 1157 in Oxford geboren, 1189 gekrönt und starb 1199 im Kampf gegen aufständischen aquitanischen Adel. Seinen Beinamen erhielt Richard I. während seines Kreuzzuges gen Jerusalem bei der Eroberung der durchaus christlichen Stadt Messina oder laut Legende als Gefangener beim Kampf gegen einen Löwen.

Handlung basiert auf Kreuzzug

Die Oper geht auf eine Kreuzzugsepisode zurück. Auf dem Weg ins Heilige Land wollte Richard seine Braut Berengeria in Messina heiraten. Wegen der Schicklichkeit reisten beide auf verschiedenen Schiffen. Mit einem Sturm setzt die Opernhandlung ein. Beide Schiffskonvois verschlägt es nach Zypern. Weder Richard noch Berengeria wissen, ob der/die andere noch lebt. Soweit, so historisch. Berengeria kommt, vorsichtshalber inkognito, in das Schloss des zyprischen Königs Isacius. Der verliebt sich natürlich sofort in die schöne Fremde.

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Richard erreicht ebenfalls lebend die zypriotische Küste und erfährt sogleich, dass seine Braut auch auf Zypern landete. Richard fordert Berengerias Herausgabe, aber der verliebte Isacius weiß, dass Berengeria und Richard einander nicht von Angesicht zu Angesicht kennen. Er befielt, seiner Tochter, sich bei Richard als Berengeria auszugeben, damit er selbst die echte Braut heiraten kann. Nach etlichem Hin und Her, nach Mord- und Selbstmorddrohungen und der Eroberung von Limassol – auf der Bühne werden symbolträchtig ein paar Schubkarren Sand ausgestreut und wieder zusammengefegt – wird alles gut. Richard heiratet und die Königstochter Formosa findet zu ihrem früheren Bräutigam zurück. Mit großem Aufwand und dem Glücksfall von zwei gleichwertigen, allerdings aufeinander eifersüchtigen Primadonnen ging Händels „Riccardo Primo“ 1727 in London über die Bühne.

Titelrolle als Bariton

Zwei Jahre später spielte Telemann die Oper seines Freundes in Hamburg nach — mit italienischen Händel-Arien, aber eigenen deutschen Rezitativen. Außerdem fügte er ein komisches Paar ein und transponierte die Titelrolle vom Kastratenalt zum Bariton.

Der junge Johannes Wollrab war in Magdeburg mit dieser Partie betraut und leicht überfordert, möglicherweise spielte die Premieren-Nervosität ihre Streiche. Überhaupt war die Besetzung der acht Solisten, vorwiegend aus dem „Fuoco“-Opernstudio, sehr jung, was dem Projekt zusammen mit der kargen Regie die Anmutung einer Studentenaufführung verlieh.

Berengera mädchenhaft gespielt

Die zart-mädchenhafte Juliette Allen als Berengera hatte mit ihrer hellen, leichtflüssigen Stimme nichts von einer Händel-Primadonna, es fehlte alles Dramatische. Raffaela Lintl, wie Wollrab Ensemblemitglied in Magdeburg, war als Formosa von packenderem Kaliber. Sie klang jung, dabei substanzreich, zärtlich, dramatisch, erfüllte in allen Affekten ihre Partie. Der zweite Ohrenschmaus des Abends kam aus der Kehle Filippo Mineccias in der leider etwas kleineren Partie des Orontes, Formosas Verlobtem. Mineccia ist ein Countertenor, wie man ihn sich nur wünschen kann, durchschlagskräftig, hochvirtuos, im besten Sinne routiniert. Er weiß einfach, wie mit Händel/Telemann umzugehen ist. Das gleiche Lob gilt dem aus Mitgliedern der Magdeburgischen Philharmonie und der „Opera Fuoco“ zusammengesetzten Orchester unter der Leitung des Alte-Musik-Spezialisten David Stern. Frisch, atmend und mit betörenden Solo-Instrumentenklängen bei einzelnen Arien wurde musiziert.