Stendal l Das Theater der Altmark in Stendal beginnt am 31. August seine neue Spielzeit mit Fontanes „Effi Briest“. Jule Kracht führt Regie. Im Gespräch berichtet die in Frankfurt am Main lebende Regisseurin über ihre Inszenierung, den Roman und die Effi-Figur.

Frau Kracht, wann haben Sie „Effi Briest“ gelesen?
Jule Kracht:
In der Schule. Und ehrlich: Ich hatte große Schwierigkeiten mit dem Buch. Ich habe damals einfach keinen Zugang zu dem Stoff bekommen. Jetzt kam die Regie-Anfrage aus Stendal und ich dachte, warum nicht. Für mich ist das eine Herausforderung, weil ich es auch für jüngere Zuschauer so erzählen will, dass sie verstehen, was Fontane gemeint hat.

Ihm ging es um Freiheit und selbstbestimmtes Leben.
Genau. Ich wäre damals in der Schule froh gewesen, wenn wir über diesen Freiheitsgedanken gesprochen hätten.

Warum erzählt man das Buch in Zeiten der Emanzipation?
Ich glaube, es gibt immer noch viele Parallelen zu diesen damaligen gesellschaftlichen Strukturen. Es ist nicht unüblich, dass eine Frau heiratet, Kinder bekommt, in der Karriere zurücksteckt, sich Haushalt, Mann, Kindern unterordnet. Natürlich ist heute das Rollendenken aufgeweichter, aber es ist doch immer noch da. Unsere Schauspielerin, die die Titelpartie spielt, sagte zu mir, dass ihr Vater ihren Wunsch zur Schauspielerei nicht verstanden habe. Ich denke, so mancher kann sich heute immer noch mit der Figur identifizieren.

Fontanes Effi ist sehr naiv. Wie wird Ihre Effi?
Sie glaubt. Vor allem glaubt sie daran, dass ihre Eltern das Richtige für sie wollen. Natürlich ist sie glücklich, weil alle glücklich sind, wenn man verlobt ist. Und dann hat der Mann auch noch Geld und sieht gut aus. Ihre Mutter sagt, sie sei mit 20 da, wo andere erst mit 40 stehen. Effi glaubt das und findet das gut. Ich will keine von Anfang an zweifelnde Effi.

Inwieweit setzen Sie auf die Sehnsucht nach gesellschaftlicher Anerkennung?
Ich versuche, alle Personen in der gesellschaftlichen Struktur zu belassen. Innstetten ist doch genauso ein Opfer dieser Strukturen wie Effi. Auch er macht, was von ihm erwartet wird. Jeder spielt dieses gesellschaftliche Spiel mit.

Intendant Rahlfs sagte mit Blick auf den Roman, dass er überzeitliche Fragen stelle.
Das stimmt. Ich finde, dass die jüngere Generation zunehmend auf der Suche ist nach gesellschaftlichen Strukturen. Wenn ich beispielsweise Fotos von Abibällen sehe mit jungen Frauen und Männern in festlichen Kleidern oder von großen, standesgemäßen Hochzeitsfeiern, habe ich das Gefühl, man geht wieder etwas zurück in einen gewissen Konservatismus.

Den leben Sie nicht?
Ich bin 77er Jahrgang. Meine Eltern haben zu mir gesagt: Du kannst machen, was du willst. Du darfst alles. Ich bin ohne Zwänge großgeworden. So ein Leben lebe ich auch.

Das reale Effi-Vorbild starb mit 98 Jahren. Fontane lässt Effi jung sterben. Wie alt wird sie bei Ihnen?
Sie stirbt in jungen Jahren.

Sie halten sich stark an die Romanvorlage?
Ja. Ich halte mich aber nicht an die endlose Langeweile, die das Lesen bei mir einst hervorgebracht hat. Das Quälende dieses Buches ist doch das gefühlt ewige Kaffeetrinken mit irgendwelchen Leuten. Das ist auch die Langeweile, die Effi permanent erfahren muss. Das kann man in zwei Stunden nicht erzählen, und das wollte ich auch nicht.

Worauf setzen Sie?
Es gibt einen Grusel, der in dem Buch steckt. Effi kommt in ein Haus voller alter Gegenstände und mit Vorhängen, die über den Boden ziehen. Als ob sie in ein düsteres Museum mit lauter ausgestopften Tieren gesteckt worden wäre. Ich hatte beim Lesen Assoziationen zu einem surrealistischen Grusel-Thriller. Bei uns liegt alles unter Tüchern, die aufgedeckt werden. Wir haben Bilderrahmen auf der Bühne, weil Innstetten Effi nur wie ein Kunstwerk betrachtet. Man spürt auch in den Kostümen mit den Korsagen die Freiheitsberaubung.

Sie haben das Buch jetzt also neu entdeckt?
Ja. Heute frage ich mich, warum ich damals dieses Revolutionäre nicht entdeckt und nicht verstanden habe. Ich weiß, dass sich auch Bekannte und Kollegen damit schwergetan haben. Ich hoffe, das Stück gibt vielen einen neuen, anderen Zugang zur literarischen Vorlage.

Premiere am 31. August, 19.30 Uhr, Großes Haus.