Magdeburg l Leise hört man das Rascheln von Kleidung. Die Zuschauer warten gespannt auf den Beginn der Vorstellung. Das Licht geht an. Ein Wohnzimmer wird sichtbar, ein junger Mann tritt auf die Bühne, legt eine Schallplatte auf und setzt sich auf eine schicke Designercouch. Schon bald geht es um ein weißes Bild. Mit weißen Streifen. Gestritten wird über die Frage, ob das Kunst ist.

Das weiße Gemälde ist Teil des Bühnenbilds von „Kunst“. Christiane Hercher hat es entworfen. Das Stück läuft aktuell im Schauspielhaus Magdeburg. Die gebürtige Jenenserin ist dort seit zehn Jahren als Bühnenbildnerin angestellt. Vorher war sie unter anderem in Berlin und Salzburg, hat Regie geführt und als Dramaturgin gearbeitet. Angefangen hat sie aber ganz anders - als Buchhändlerin. Danach hat sie Musikwissenschaften und Italianistik studiert, später aber im Theater ihre Passion gefunden.

Zeitverträge sind die Regel

Hercher ist eine von etwa 3000 Bühnenbildnern in Deutschland, darunter zwei Drittel Frauen. Die Anstellungsverhältnisse für Bühnenbildner sind prekär, Spielzeitverträge und häufige Umzüge sind die Regel. Auch nach zehn Jahren besitzt die 49-Jährige einen sogenannten Künstlervertrag, der jedes Jahr gekündigt werden kann. Sie sehe darin aber weniger die Unsicherheit als die Freiheit irgendwann weitere Erfahrungen zu sammeln, sagt sie.

Bilder

Momentan ist Hercher sehr zufrieden in Magdeburg, denn sie entwirft mittlerweile auch die Bühne für das Opernhaus. Ihr aktueller Liebling: Don Pasquale von Gaetano Donizetti. „Die Arbeit an einem Bühnenbild dauert lange“, erzählt sie. „Ein Jahr kann man rechnen.“ Die Pläne gehen dann an die Theaterwerkstätten, wo sie unter der Aufsicht von Werkstättenleiter Axel Wollny in acht bis zehn Wochen umgesetzt werden. Erst wird ein kleines Modell gebaut. Nach diesem Vorbild wird gezeichnet und gemalt, vermessen und geschraubt, modelliert und angepasst. In der Bauprobe wird dann alles einmal zusammen auf die Bühne gebracht. „Da ist man schon aufgeregt. Wir merken dabei schnell, ob etwas passt oder nicht“, so Christiane Hercher.

Das Budget für eine Produktion hat der Werkstättenleiter immer im Blick. 20 000 Euro sind das ungefähr. „Manchmal muss man den Bühnenbildnern auch sagen, dass etwas nicht geht. Weil es zu teuer ist oder nicht umsetzbar, da muss man Kompromisse finden“, erklärt Wollny.

Kompromisse finden muss auch Christiane Hercher, denn oft wird die harte und lange Arbeit an einem Bühnenbild nicht richtig geschätzt. „Manchmal kommen die Schauspieler bei den Proben das erste Mal auf die aufgebaute Bühne und sehen gar nicht, wie viel Arbeit darin steckt.“

Ideen kommen Hercher oft zu Hause

Aber nicht nur die Schauspieler, sondern auch das Publikum oder die Stadt Magdeburg verkennen oft den Aufwand, der hinter einer Bühne steckt. Auch Wollny kennt dieses Problem. „Wenn wir für das Domplatz-Open-Air auf- und abbauen, denkt die Stadt, es würde so schnell gehen wie bei einer Band. Das geht aber nicht. Am schlimmsten ist das Abbauen, da haben wir nur drei oder vier Tage Zeit, das ist fast nicht zu schaffen.“

Und bei so wenig Zeit kann man sich denken, was mit den Requisiten passiert: Sie landen im Container. Aber nicht alle Bühnenbilder wandern nach der Beendigung eines Stücks in den Müll. Sollte ein Stück noch mal aufgeführt werden, wird es natürlich aufbewahrt, genau wie auch ganz besondere Requisiten. Das hat sich gelohnt. Für die „Dreigroschenoper“ hat Christiane Hercher zum Beispiel aus zwanzig alten Bühnenbildern ein neues zusammengestellt.

Die Ideen kommen ihr oft zu Hause, beim Durchschauen von Katalogen oder Fotobänden. Dann wird auch mal auf der Couch fleißig gebastelt und mit der Taschenlampe geprüft, wie die Bühne beleuchtet werden muss. Der Aufwand lohnt sich. Als der Vorhang bei „Kunst“ fällt, erhebt sich ein lauter Applaus in dem Saal. Das Stück hat begeistert. Ein Stück, das ohne Christiane Hercher auf einer leeren Bühne stattgefunden hätte.

Die nächsten Vorstellungen von „Kunst“ finden am 22. April, 19. Mai und 14. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus statt.

 * Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in Kooperation mit der Volksstimme.