Stendal l Seit Anfang des Jahres wird das Zuhause des Theaters der Altmark Stendal energetisch saniert. Keine Bühne des Hauses kann seither genutzt werden. Das Ensemble spielt an verschiedenen Ausweichorten in der Stadt. Intendant Rahlfs und sein Team haben Büros in einem Mehrgeschosser in der Stadtseeallee. Wer am Theaterbau in der Karlstraße vorbeifährt, sieht, dass aus dem Wunsch, schon in der Vorweihnachtszeit wieder dort spielen zu können, nichts wird. Bauarbeiter beherrschen nach wie vor das Geschehen.

Herr Rahlfs, es war Ihr innigster Wunsch, im November wieder zu öffnen.Wie ist der Stand?
Wir hatten schon geahnt, dass es knapp werden könnte und bereits im März die komplette Spielzeit 2020/21 auswärts geplant. Wenn solch eine umfangreiche Baumaßnahme läuft, das sehen wir, tun sich eben mittendrin neue Baustellen auf. Wir wollten ausreichend Karenzzeit haben. Jetzt planen wir den Rückzug ab Februar/März. Wir werden aber die Zeit bis zum Spielzeitende brauchen, um alle Bühnen im Stammhaus auch technisch wieder in Betrieb zu nehmen, um dann – hoffentlich – mit Beginn der Spielzeit 2021/22 wieder in der Karlstraße präsent zu sein.

Sie hatten sehr auf das Weihnachtsmärchen im Haus gesetzt.
Das Weihnachtsmärchen ist für uns eine sehr wichtige Inszenierung, weil wir sie gerne spielen und sie viele Besucher anzieht. Überhaupt ist das vierte Quartal für uns alljährlich das besucherstärkste.

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Wo wird jetzt gespielt?
Das Weihnachtsmärchen spielen wir im Landratsamt. Dort gibt es einen der größeren Säle der Stadt. Der ist auch wichtig für die Bühne, denn wir haben bei fünf Darstellern in diversen Rollen die Abstandsregeln einzuhalten, und Weihnachtsmärchen sind in der Regel mit viel "Budenzauber" verbunden.

Corona und Baustelle. Was bedeutet das für den laufenden Spielplan?
Wir hatten ihn im Frühjahr komplett umgestülpt. Wir holen die schließungsbedingt ausgefallenen Titel nach und haben uns darüber hinaus für Stücke entschieden, bei denen unter Berücksichtigung der Abstandsregeln nicht mehr als drei, vier Schauspieler auf der Bühne sind. Wir wollen nicht ständig Pirouetten drehen müssen, um diese Regeln einzuhalten. Ich hoffe, dass wir das, was jetzt auf dem Spielplan steht, auch so anbieten können.

Sie setzen unter äußerst schwierigen Bedingungen auf sehr viele Premieren.
Es sind 19, einiges davon Produktionen, die im März quasi fertig waren. Da alles so klein besetzt ist, haben wir die Möglichkeit, viel anzubieten, denn das Ensemble ist nie komplett auf der Bühne. Wir setzen in dieser Spielzeit stark auf einen Kammerspiel-Ton. Das ist auch den Ausweichspielstätten geschuldet.

Apropos Spielstätten. Der Theatersaal fasst 500 Leute, die Ausweichquartiere nur einen Bruchteil davon. Vor wie vielen Zuschauern können Sie mit den Abstandsregeln überhaupt auftreten?
Wir haben im Moment nur wenige Spielorte, wo wir vor mehr als 50 Leuten spielen können. In der Marienkirche haben wir "Judas" vor bis zu zirka 70 Gästen gezeigt. Mehr ging auch dort nicht. In der Katharinenkirche, die als Veranstaltungsort in städtischer Hand ist und die wir für unsere Sinfoniekonzerte nutzen, passen um die 70 Leute. Wir können ja vorher nie genau sagen, wie viele Besucher wir reinlassen dürfen: Einzelpersonen, Anzahl der Haushalte; die Zahlen sind immer andere. Der Besucherservice macht für jede Vorstellung einen individuellen Bestuhlungsplan. Das ist ein unglaublicher Aufwand.

Sie haben zwei Klassenzimmerstücke im Spielplan, Puppenspiel für Kinder hatte im September auch schon Premiere. Die Klassen kommen?
Entgegen unserer Sorge, dass das sehr schwierig sein wird, haben wir seit Beginn der Spielzeit viele Zusagen und ein erfreulich positives Feedback. Unsere Klassenzimmerstücke laufen ebenso wie unsere theaterpädagogischen Workshops. Wir haben nahezu alle Schulvorstellungen für das Weihnachtsmärchen voll. Aber der Besucherservice muss auch hier viel moderieren, weil zum Beispiel Klassen aus verschiedenen Schulen teilweise nicht gemeinsam im Saal sitzen wollen oder dürfen.

Ein Landestheater wie Ihres ist vertraglich zum Gastspielbetrieb verpflichtet. Das ist auch eine wichtige Einnahmequelle. Sind Gastspiele im Moment möglich?
Der Bereich bereitet mir große Sorge. Wir haben nicht so viele feste Abstecherorte wie manch andere Landesbühne. Das macht Gastspiele besonders problematisch. Zudem ist in der vergangenen Woche die Inthega in Bielefeld ausgefallen, eine für uns wichtige Messe für deutschsprachiges Tourneetheater.

Gibt es denn Anfragen?
Ja, aber wir merken, dass die Veranstalter vorsichtig sind. Und wenn man nur 50 Leute in einen Saal bekommt, dann geht oft für alle die Rechnung nicht mehr auf. Einige Partner warten auch erst einmal ab. Keiner weiß, was kommt. Diese wegbrechenden Gastspiele sind im Moment in Bezug auf den Spielbetrieb eine große Baustelle.

Sind Mitarbeiter noch in Kurzarbeit?
In Teilen ja. Das ergibt sich auch aus den Corona-Beschränkungen. Es gibt zum Beispiel Auflagen, dass Ankleider oder Maskenbildner nicht mehr direkt am Schauspieler arbeiten dürfen, so dass hier bestimmte Vorgänge umorganisiert werden müssen. In einigen Bereichen ist einfach noch kein Normalbetrieb möglich.

Von gewohnten Besucherzahlen sind Sie sicher auch weit entfernt. Haben Sie schon eine Übersicht, was durch Schließung und jetzige Platzbeschränkungen an Gästen wegbricht?
Im Theatervertrag zwischen Stadt und Land sind 55.000 Besucher und 550 Veranstaltungen verankert. Wir hatten in den Spielzeiten vor Corona jeweils deutlich mehr Veranstaltungen und meist um die 60.000 Besucher. Momentan ist es schwierig, das schon genau zu beziffern, weil die Lage unübersichtlich ist und bleibt. Pi mal Daumen kann man sagen: Voraussichtlich brechen zwei Drittel der Besucherzahlen weg. Das drückt nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Stimmung.

Alles ist vakant, aber die nächste Spielzeit muss längst vorbereitet werden.
Vieles, was in dieser Spielzeit stattgefunden hätte, steht jetzt auf dem Spielplan für 2021/22. Wir fangen natürlich schon jetzt an, darüber nachzudenken, wie wir auch wieder z.B. Shakespeare-Klassiker mit mehr Leuten auf die Bühne bringen können. Es kann ja nicht sein, dass wir nur noch Zwei-Personen-Stücke spielen. Bleiben die Beschränkungen aber wie jetzt, wird man sich für einen auskömmlichen Theaterbetrieb generell viel Neues einfallen lassen müssen. Die ganze Planung aber noch mal umschmeißen, das will keiner von uns.