Ein Schädel für Charles Darwin

Gut 40 Jahre lang glaubten Forscher, das Missing Link, das Bindeglied zwischen Mensch und Affe, gefunden zu haben. Ein Beweis für Darwins Evolutionstheorie. Doch der angebliche Sensationsfund war eine Fälschung. Arte zeigt die Suche nach dem Fälscher.

Von Marco Krefting, dpa 20.05.2016, 23:01

Straßburg (dpa) - War es ein Scharlatan oder war es ein aufstrebender Nachwuchsforscher, der die Wissenschaft und die Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg mit einem angeblichen Sensationsfund foppte?

Am 18. Dezember 1912 präsentierte die Londoner Geographical Society das vermeintliche Missing Link: ein Schädel, der ein Bindeglied zwischen Mensch und Affe sein sollte - und damit nicht viel weniger als die Evolutionstheorie von Charles Darwin bestätigt hätte. Angeblich ausgebuddelt in einer Kiesgrube in Südengland. Und erst mehr als 40 Jahre später als Fälschung entlarvt. Der Fernsehsender Arte geht am Samstag (20.15 Uhr) der Frage nach, wer der Täter war.

Auf die Suche machen sich in der Dokumentation Geheimakte Geschichte - Ein Schädel für Charles Darwin der Profiler Michael Baurmann und die Historikerin Natalie Akbari. Sie wollen einen der größten Betrugsfälle der Wissenschaftsgeschichte aufklären, wie der Sender einordnet. Das Ergebnis der MDR-Produktion ist für Historiker, Archäologen, Biologen und Krimifans gleichermaßen spannend - sofern sie die Thematik noch nicht kennen. Ansonsten sind die Erkenntnisse zwar nicht wirklich neu, aber kompakt und kurzweilig zusammengefasst.

Von den Regisseuren Heike Nelsen-Minkenberg und Thomas Müller auf 52 Minuten zusammengeschnitten gleicht die Fahndung einer etwas nüchternen Version der CSI-Serien. Da untersuchen Experten, mit welchen Chemikalien Zähne eingefärbt worden. Profiler Baurmann macht sogar den Selbsttest, ob er einen Kuhknochen auf alt trimmen kann.

In Verdacht hat er Charles Dawson: ein Hobbyarchäologe und Rechtsanwalt, der als Entdecker des Piltdown-Menschen gilt. Denn benannt wurde der Schädel nach dem Fundort nahe dem Örtchen Piltdown. Historikerin Akbari erforscht hingegen die Hintergründe von Martin Hinton, der damals als Nachwuchswissenschaftler im Natural History Museum in London Karriere machen wollte. Der Fund des Missing Links hätte Darwins Thesen bestätigt, die - rund 75 Jahre später - an dem Museum und bei Hintons Vorgesetzten gerade sehr en vouge waren. Doch er entpuppte sich 1953 als Fälschung: zusammengesetzt aus der Schädeldecke eines Menschen und dem Unterkiefer eines Affen.

Während Baurmann unter anderem den Fundort in der Grafschaft Sussex unter die Lupe nimmt, sucht Akbari das Museum auf und spricht mit heutigen Experten. Dabei fördern sie Kuriositäten zutage, die eher an einen schlechten Krimi erinnern, als an eine sachlich-neutrale Doku.

So wollte Jurist Dawson sein Prestige auf allen Ebenen steigern, baute sich ein Prachthäuschen. Seine angeblichen archäologischen Entdeckungen - der Schädel ist bei weitem nicht die einzige - haben immer andere gefunden und zu ihm gebracht; er musste also nie für irgendetwas geradestehen. Zudem war er mit Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle befreundet und starb mit 52 Jahren - mutmaßlich vergiftet an den Chemikalien, mit denen er fälschte.

In einem Koffer aus dem Nachlass Hintons wiederum wurden Fälschermaterialien gefunden. Zudem gibt es Zusammenhänge zwischen besagter Kiesgrube und einem Relikt, das nachweislich er bearbeitet hat. Über allem wabert ein bisschen ein internationaler Forscherwettstreit, den der Film beschreibt - ebenso wie die Schande für Englands Wissenschaft, als die Fälschung entlarvt wird. Letztlich laufen die Ermittlungen von Profiler Baurmann und Historikerin Akbari auf einen immerhin ziemlich wahrscheinlichen Täter hinaus.

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