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Kalter Krieg Spione, Grauzonen, Kalter Krieg: Emilia Clarke in „Ponies“

Zwei unscheinbare Frauen werden im Kalten Krieg zu Spioninnen. „Ponies“ erzählt von Macht, Moral, weiblicher Selbstermächtigung und dem Denken jenseits von Parolen – und wirkt erstaunlich aktuell.

Von Johanna Hänsel, dpa 08.02.2026, 07:30
Bea (Emilia Clarke, l) und Twila (Haley Lu Richardson) beim Spionieren im Auto in der Serie „Ponies“.
Bea (Emilia Clarke, l) und Twila (Haley Lu Richardson) beim Spionieren im Auto in der Serie „Ponies“. -/Peacock/dpa

New York - Ausgerechnet jetzt wirkt eine Serie über den Kalten Krieg überraschend gegenwärtig. Während die letzten großen Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland auslaufen und neue Wettrüstungsszenarien diskutiert werden, läuft mit „Ponies“ eine Spionageserie an, die den Ost-West-Konflikt nicht als Schwarz-Weiß-Erzählung zeigt, sondern als moralisches Niemandsland. Für Hauptdarstellerin Emilia Clarke (39) ist es mehr als nur ein neues Projekt: ein neues Kapitel schauspielerischer Autonomie nach dem Mega-Erfolg „Game of Thrones“. 

Im Zentrum der Serie, die 1977 in Moskau spielt, stehen zwei Frauen, die im Jargon der Geheimdienste als „Personen geringen Interesses“ (Persons of No Interest = PONIs) gelten: unscheinbare Sekretärinnen an der US-Botschaft. Nach dem mysteriösen Tod ihrer Ehemänner werden Bea und Twila jedoch selbst zu Agentinnen des US-Geheimdienstes CIA. In Deutschland ist die Serie bei „WOW“ und „Sky“ zu sehen.

Zwei Frauen, zwei Welten

Clarke spielt Bea, eine hochgebildete, kontrollierte und pflichtbewusste College-Absolventin aus einer Familie sowjetischer US-Einwanderer, die im Moskau der 1970er Jahre in einer von Männern dominierten Geheimdienstwelt lange als unscheinbare Diplomaten-Ehefrau unterschätzt wird. Ihr gegenüber steht Twila, gespielt von Haley Lu Richardson (30) – eine laute, unangepasste Frau aus der amerikanischen Provinz, die mit Direktheit und Furchtlosigkeit durch die streng reglementierte Welt der Geheimdienste bricht.

Vor allem sprachlich bereitete sich Clarke intensiv auf ihre Rolle vor. „Ein großer Teil meiner Vorbereitung bestand darin, Russisch zu lernen“, sagte sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Oder zumindest in dem Versuch, ergänzte sie lachend. „Sie hat es geschafft!“, wirft Richardson ein. Sprache sei mehr als ein Werkzeug, erklärte Clarke, in ihr lebten kulturelle Regeln und Denkweisen. Durch die Arbeit an der Serie habe sie ein tieferes Verständnis für russische Kultur entwickelt – jenseits politischer Zuschreibungen. 

Jenseits von Gut und Böse

Gerade diese Perspektive war den Machern, Susanna Fogel und David Iserson, wichtig. Sie entschieden sich bewusst gegen gängige Klischees. Russland sei aus amerikanischer Sicht zwar das schwierigste Einsatzgebiet für die CIA gewesen, sagte Fogel – ein Ort permanenter Überwachung. „Aber dort lebten reale Menschen mit eigenen inneren Welten - wir wollten Russen nicht als monolithischen Gegner beschreiben, genauso wenig wie wir als Amerikaner automatisch mit allen Amerikanern oder der amerikanischen Führung in Verbindung gebracht werden wollen.“

Iserson spricht von einer moralisch „undurchsichtigen“ Serien-Welt, in der es auf beiden Seiten Täter, Helden und Humanität gebe. Diese Unschärfe mache die Geschichte heute wieder relevant. „Was wir über andere glauben, wird stark von dem geprägt, was uns Medien erzählen“, sagte er. „Vor Ort sieht die Realität oft ganz anders aus.“ Patriotismus sei kompliziert, ergänzte Fogel, besonders dann, wenn politische Führung nicht mehr die Werte oder Visionen verkörpere, mit denen sich Menschen identifizieren. 

Aus der Serie könne man lernen, dass es in einer solchen Welt vor allem darauf ankomme, selbst zu denken und zu handeln – so wie Bea und Twila, wenn sie als Amerikanerinnen beginnen, Autorität, Befehle und vermeintliche Wahrheiten infrage zu stellen. In einer Szene bekennt der CIA-Büroleiter in Moskau eine gewisse Sinnlosigkeit: „Wenn alle Spione auf ihrer Seite und alle Spione auf unserer Seite morgen plötzlich verschwunden wären“, sagt er, „würde die Welt genauso weiterlaufen wie bisher.“ 

Auch ästhetisch setzt „Ponies“ auf Brüche. Gedreht wurde in Budapest, dessen Architektur noch Spuren des Ostblocks trägt. Doch statt reiner grauer Kalter Kriegs-Spionage-Tristesse zeigen die Bilder eine überraschend farbige, expressive Welt – inspiriert von Fotografien aus der Sowjetunion der 1970er Jahre, erzählte Fogel. Menschen hätten damals Individualität über Muster, Farben und Stil ausgedrückt. Diese Lebendigkeit trotz aller politischen Umstände habe man sichtbar machen wollen. Das Ergebnis ist insgesamt eine Mischung aus Drama, Action-Thriller und humorvoller Leichtigkeit.

Clarke: Mehr Kontrolle über die eigene Karriere

Für Clarke ist das Projekt Teil eines bewussten Kurswechsels. Nach Jahren im Schatten eines globalen Serienphänomens, der HBO-Fantasy-Serie „Game of Thrones“, in der sie als Drachenkönigin Daenerys Targaryen in jungen Jahren weltberühmt wurde, habe sie sich mehr kreative Kontrolle gewünscht, sagte sie in Interviews mit US-Medien. Als ausführende Produzentin von „Ponies“ war sie stärker in Entscheidungen eingebunden als je zuvor. Es gehe ihr heute um Projekte, die ihren eigenen Geschmack und Ansprüche widerspiegeln.

Dass die Serie einen Nerv trifft, zeigt der Erfolg: „Ponies“ gehörte zeitweise zu den meistgesehenen Formaten des US-Streamingdienstes „Peacock“ und erhielt außergewöhnlich gute Kritiken. Auf der US-Kritikerplattform Rotten Tomatoes kommt die Serie auf 95 Prozent Zustimmung. 

Ob es eine zweite Staffel geben wird, ist offiziell noch offen. Inhaltlich aber wirkt „Ponies“ schon jetzt wie eine Erinnerung daran, dass geopolitische Spannungen zwischen Großmächten kein Relikt der Vergangenheit sind. „Geschichte wiederholt sich“, sagte Clarke. Und dabei, so legt die Serie nahe, lohnt sich manchmal der Blick auf Perspektiven, die lange als „nicht von Interesse“ galten.