TV-Tipp

ZDF-Krimi „Stralsund“ als Zweiteiler

Kann man politische Umwälzungen in einem TV-Krimi beschreiben? In diesem Fall gelingt es sehr gut. Geschichte und Darsteller sind glaubwürdig.

Von Johannes von der Gathen, dpa 25.08.2021, 15:29 • Aktualisiert: 29.08.2021, 00:05
Nina Petersen (Katharina Wackernagel) und Karl Hidde (Alexander Held) wälzen Aktenberge.
Nina Petersen (Katharina Wackernagel) und Karl Hidde (Alexander Held) wälzen Aktenberge. Gordon Timpen/ZDF/dpa

Berlin - Die Abwicklung der ostdeutschen Betriebe durch die Treuhand nach der Wende 1990 ist in ihren Widersprüchen noch lange nicht aufgearbeitet. Die Lebensläufe und auch Hoffnungen, die damals zerbrachen, bleiben ein bitteres Erbe der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte, die nicht für alle eine Erfolgsgeschichte war.

Von dieser offenen Wunde erzählen die beiden neuen Folgen des „Stralsund“-Krimis im ZDF. Ein komplexer Fall, der weit über das übliche TV-Kriminiveau hinausgeht, ausgebreitet in etlichen Facetten mit hochkarätiger Besetzung. Die erste Folge „Stralsund - Das Manifest“ läuft am Samstag um 20.15 Uhr im Zweiten, am Mittwoch (1. September) folgt die Fortsetzung „Stralsund - Medusas Tod“ zur gleichen Sendezeit.

Ein Stapel verstaubter Akten führt wie ein Tunnel in die Vergangenheit, die einfach nicht vergehen will. Der junge Dominik Euler (Leonard Carow) findet die belastenden Dokumente bei seiner Mutter, die sie im Kleiderschrank aufbewahrte. Als er den Wirtschaftsanwalt Kellermann, der damals mit der Privatisierung von Werften ein Vermögen gemacht hat, zur Rede stellen will, wird Dominik Zeuge der Ermordung des skrupellosen Wendeprofiteurs.

Dominik kann zwar vor dem Mörder fliehen, muss aber untertauchen und gerät selbst schnell unter Verdacht. Er findet Zuflucht bei einer Gruppe von seltsamen Biobauern, die nachts in der Scheune Schießübungen absolvieren. Dann taucht ein ominöses Manifest auf, in dem Rache angekündigt wird für angebliche Machenschaften der Treuhand.

Da tappen die Ermittler Nina Petersen (Katharina Wackernagel, Karl Hidde (Alexander Held) und Karim Uthman (Karim Günes) lange im Dunklen, zumal die selbstbewusste Petersen emsig an ihrer Beziehung zu ihrem Vorgesetzten Thomas Jung (Johannes Zirner) arbeitet. Der kauzige Hidde dagegen ist persönlich involviert, eine verflossene Liebe von ihm hat früher Artikel gegen die Wendehälse geschrieben.

Diesmal hatten die Drehbuchautoren Andreas Kanonenberg und Olaf Kraemer in der Regie von Alexander Dierbach („Tannbach - Schicksal eines Dorfes“) wirklich einmal Zeit, ihre Charaktere zu entwickeln. „In unserem Zweiteiler hatten Andreas und ich die Chance, eine politische Geschichte und ihre Auswirkungen einmal von "unten" zu erzählen – ohne die Anzüge und Glastürme in der Hauptstadt, in denen sonst getagt wird, sondern aus der Sicht derer, die die Last trugen“, so Kraemer laut ZDF-Pressetext.

So ein Malocher war auch Manfred Wolf (großartig: Axel Werner). Vor der Wende hat er auf der Werft russische Fisch-Trawler zusammengeschweißt, dann wurde sein Betrieb abgewickelt, die Belegschaft aussortiert. Jetzt steht er in der schäbigen Kneipe seiner Tochter am Tresen und hadert mit seinem Sohn Dieter, gespielt von Peter Schneider, einem der neuen Kommissare vom „Polizeiruf 110“ aus Halle.

Der intelligente Sohn des einstmals stolzen Arbeiters ging in den Western, scheiterte dort, kam zurück und sieht jetzt nur noch Verlierer um sich: „1989 war eigentlich wie 1945, nur dass die Sieger aus dem eigenen Land kamen, und die Sieger haben immer die Deutungshoheit“, lautet sein düsteres Fazit der Wende im Osten.

Steckt der smarte, desillusionierte Dieter Wolf hinter dem militanten Manifest? Nach der ersten Folge bleiben die meisten Fragen ungelöst. Dafür erleben wir einen Film, der fast wie ein kollektives Psychogramm daherkommt: Noch die Kinder und Enkel scheinen an den Verletzungen der Eltern zu leiden. Auf den zweiten Teil dieses besonderen „Stralsund“-Krimis darf man deshalb sehr gespannt sein.