Die Autorin

Ulla Lenze, 1973 in Mönchengladbach geboren, studierte Musik und Philosophie in Köln. Für ihren Debütroman „Schwester und Bruder“ (2003) erhielt sie den Ernst-Willner-Preis beim Bachmann-Wettbewerb und den Jürgen-Ponto-Preis für das beste Romandebüt. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

Werke: „Archanu“ (2008/Ammann Verlag), „Der kleine Rest des Todes“ (2012), „Die endlose Stadt“ (2015, beides Frankfurter Verlagsanstalt).

Magdeburg l Ulla Lenze erhält am 7. Oktober in Magdeburg den mit 20  000 Euro dotierten Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2016. Im Interview spricht die in Berlin lebenden Autorin über ihr jüngstes Buch „Die endlose Stadt“, das in Mumbai, Istanbul und Berlin spielt.

Volksstimme: Frau Lenze, Ihr Buch ist 2015 erschienen, seitdem reisen Sie mit diesem Roman um die Welt, lesen in Indien, Irak, Ägypten. Woher kommt das Interesse an einer deutschen Autorin, die über Orient und Okzident schreibt?

Ulla Lenze: Mein Roman eignet sich vielleicht deshalb, weil er den eingeschliffenen Begriffen Orient und Okzident auf den Zahn fühlt. Das passiert bereits im ersten Kapitel, wo sich eine junge Künstlerin über die zufrieden-träge wiederholten Klischees eines deutschen Bauunternehmers aufregt. Außerdem geht es um das, was uns alle verbindet: die Probleme einer globalisierten Welt, die sich vergrößernde Schere zwischen Arm und Reich, und die Frage, wer man selbst in dem großen Bild ist. Und es gibt eine Liebesgeschichte, vielleicht sogar zwei.

Ihre Hauptfiguren sind eine Künstlerin und eine Journalistin. Die eine arbeitet in Istanbul, die andere in Mumbai. Wie kommt Ihr Buch in diesen Ländern an?

In der Türkei hatte ich bislang leider keine Lesung, in Indien kam mein Buch überwiegend positiv an. Dort hat sich in den letzten Jahren eine junge, politisch aktive Generation herausgebildet, die einen naiven Landesstolz, wie ich ihn 1990 als Schülerin dort erlebte, längst überwunden hat.

Es geht dieser Generation um Menschen- und Frauenrechte, Umweltschutz und die Abwehr eines erstarkenden Hindu-Nationalismus. Die Veränderung der indischen Städte, Verkehrsstaus, Gentrifizierung sind als Themen längst angekommen. Unsere Diskussionen führen wir daher als Teilnehmer desselben globalen Kulturraums und nicht als verschiedene Nationen, die sich gegenseitig belehren oder demütigen wollen. Das ist ja auch nicht das Anliegen meines Romans, vielmehr beschreibt er alles, was es zu sehen gibt.

Sie hatten für beide Städte Arbeitsstipendien. Inwieweit hat das Arbeiten und Erleben vor Ort Ihre Ansichten verändert?

Über Istanbul wusste ich wenig und tauchte 2009 völlig unbefangen in diese großartige Stadt ein. Ich war überwältigt von der Eleganz und Schönheit Istanbuls und auch von den unglaublich herzlichen Menschen. Mit Mumbai war es anders; ich kehre ja seit 1990 regelmäßig nach Indien zurück. Insofern konnte ich Arbeitshypothesen in Mumbai präzisieren. Hilfreich – und auch für mich als Indienreisende neu – waren die durchs Goethe-Institut ermöglichten Kontakte zu indischen Autoren und Journalisten, Experten, denen ich viel Wissen über Indien verdanke und mit denen ich heute immer noch in Verbindung stehe.

Sie haben Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Indien begleitet. Wie kam es dazu?

Kurios war, dass ich in meinem Roman gleich auf der ersten Seite den deutschen Außenminister kurz auftauchen lasse, er begibt sich mit Kulturleuten auf eine Fahrt über den Bosporus. Beim Schrei­ben war mir nicht einmal bewusst, dass Frank-Walter Steinmeier tatsächlich Autoren und Künstler auf Delegationsreise einlädt. Kultur „als dritte Säule der Außenpolitik“ nimmt er sehr ernst. Ich hatte den Roman gerade abgeschlossen, als ich einen Anruf vom Auswärtigen Amt erhielt. Das war ein merkwürdiger Zufall, es wirkte auf mich so, als verlängere sich der Roman nun in die Wirklichkeit hinein.

Ihre Journalistin fährt nach Mumbai, beobachtet, schreibt auf, fliegt zurück und landet wieder im Wohlstandsland Deutschland. Das geht uns auch in Urlauben so. War es Ihnen wichtig, das zu thematisieren?

Auf jeden Fall. Dabei geht es nicht ums Verurteilen des Urlaubmachens. Aber die Konflikte verschärfen sich nun mal. Mir war gleichzeitig aber auch sehr wichtig, Deutschland nicht nur als Wohlstandsland darzustellen. Denn das ist es nicht. In meinem Roman ringt die Künstlerin sehr um ihre Existenz. Natürlich kann man Künstlern immer vorhalten: Dann such dir halt einen Brotjob! Aber selbst das ist ja heute nicht mehr so einfach.

Aber man kann Armut in Deutschland keineswegs mit Armut in Indien vergleichen.

Materiell gesehen gewiss nicht. Aber die empfundene Not ist in beiden Fällen real. Als Erzählerin versuche ich, diese Geschichten erfahrbar zu machen. Mich interessieren Konstellationen, die sich miteinander reiben, die kein schnelles, einfaches Urteil zulassen. Übrigens gibt es in Indien sehr reiche Menschen. Das teuerste Wohnhaus der Welt steht in Mumbai.

Ist „Die endlose Stadt“ ein Buch über das Reisen?

Ich glaube, das Reisen ist hier die technische Situation, aber mehr auch nicht. Der Roman hat ja mehrere Themen – wie man sich als Künstler treu bleibt, was es heißt, heute als Frau zu leben und zu lieben, die Bedeutung von Geld, entgrenztem Kapitalismus, und dann diese brodelnden Metropolen, in denen man sich verlieren kann.

In Ihrer Handlung rücken Berlin, Mumbai, Istanbul zusammen, weil alle Handys und Skype haben. Aber rückt die Welt wirklich näher zusammen angesichts von Flüchtlingen, Terror und Diskussionen um Grenzschließungen?

Natürlich suggerieren Skype, Whatsapp und auch Facebook eine Nähe und Verfügbarkeit dessen, was eigentlich fern ist. Wir haben zurzeit diese sehr konträren Erlebnisse: Virtuell werden Grenzen überwunden, aber auf existenzieller Ebene wird das nicht eingelöst.

Unerträglich geradezu ist auch, dass angesichts solcher Kommunikationsmöglichkeiten nicht größere Vernunft herrscht und dieser Krieg in Syrien schon viel zu lange dauert.

Sie schreiben über Demonstrationen am Taksim-Platz mit Polizei und Wasserwerfern. Wie nah sind Sie heute dran an den Entwicklungen in der Türkei?

Unmittelbar nach dem Putschversuch hatte ich Kontakt zu meinen türkischen Freunden in Istanbul. Zurzeit erhalte ich leider nur spärliche Antworten und Informationen. Die Vorsicht ist groß und verständlich.

Ihr Buch erschien 2015. Würden Sie mit dem Wissen von heute anders schreiben?

Der Roman hat durch die Ereignisse der letzten Monate vermutlich an Aktualität gewonnen, denn die Frage nach der Verantwortung für fremdes Leid – auch das Leid in der Fremde – wird gestellt. Vermutlich bin ich froh, dass ich den Roman bereits geschrieben habe. Es würde jetzt schwieriger, ich hätte Sorge, einer Debatte hinterherzuschreiben.

Ulla Lenze: Die endlose Stadt, Frankfurter Verlagsanstalt, 320 S., 19,90 Euro